Der Film Pre-Crime (2017)

Die Technologie des Predictive Policing zwischen Bull-Shit-Bingo und Kriminal-Tinder
wb 22 Okt. 2017

In dem beim Filmfest Hamburg vorgestellten Dokumentarfilm Pre-Crime von Monika Hielscher und Matthias Heeder geht es um die Vorhersage von Verbrechen und Predictive Policing. Also die Verhinderung von Verbrechen, bevor diese geschehen, mit Hilfe von Datenverarbeitung. Der Film zeigt einige dieser Daten-Techniken im Einsatz und deren Auswirkungen auf Bürger und Gesellschaft.


Urko Dorronso Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)

Die Herkunft des Begriffes Pre-Crime

Der Spielberg-Klassiker Minority Report von 2001 (basierend auf einer Kurzgeschichte von P.K. Dick) machte den Begriff des Pre-Crime populär und setzte ihn mit einer Mischung aus Psychothriller und Cyber-Science-Fiction bildgewaltig in Szene. Drei hellsichtige sogenannte Pre-Cogs liefern die teils unscharfen Rohdaten für eine computergestützte Datenauswertung die beteiligten Personen, Ort und Zeit von bevorstehenden Mordfällen ausspuckt. Aufgabe des Pre-Crime Department der Polizei ist die Verhinderung dieser Morde und die Verhaftung der potentiellen Mörder bei oder vor der Tat. Auf der Basis eines packenden und cleveren Who-Will-Have-Done-It-Plots problematisiert der Film die Aufgabe elementarer Bürgerechte zugunsten einer verbesserten Sicherheit, die Herrschaft durch Daten bzw. durch deren Unterdrückung und das Konzept des selbstbestimmen Individuums. Seitdem wird der Begriff “Pre-Crime” von Rechts-Kritikern gegen Vorverurteilung und der Aufgabe von Rechtsgrundlagen beim Täterbegriff verwendet. Man denke an “Gefährder”, “vorbeugende Sicherheitsverwahrung” o.ä.

So wenig die Schreibarbeit auf einem deutschen Polizeirevier einer CSI-Episode ähnelt, so wenig hat auch die dokumentarische Aufarbeitung der kriminalistischen Technologien im Film Pre-Crime das narrative-visuelle Potenzial eines Minority Reports. So standen die RegisseurInnen vor der typischen Schwierigkeit, dem Wesen nach unsinnliche Datenmanipulationen visuell umzusetzen. Sie wählten dazu drei Perspektiven auf die neue Technologie: 1. den Schulterblick bei Polizisten und Entwicklern, 2. Interviews mit Betroffenen sowie 3. einordnende Statements von IT-, Kriminal- und Rechtsexperten. Optisch zusammengehalten wird der Film durch düsteres Schwenkmaterial aus Überwachungskameras, Hightech Footage in Videogams-Ästhetik und dem am Zeichenblock sinnierenden Regisseur.

In diesem Artikel sollen weniger die visuellen Problemlösungen des Films betrachtet (Kritiken findet man bei Spiegel, Süddeutscher und Golem.de), sondern die darin vorgestellten Technologien, Ideologien und gesellschaftlichen Auswirkungen von Predictive Policing Techniken näher betrachtet werden.

Predictive Policing Technologien

Prinzipiell lassen sichTechniken, die keine personenbezogenen Daten verwenden (1 und 2), von denen trennen, in solche Daten ebensolche massiv und häufig intransparent einfließen (3).

1 – Statistische Erfassung und Analyse von Einbruchskriminalität für die räumlich-zeitlichen Prognose von Folgetaten (PRECOBS, Predpol)

2 – Echzeitüberwachung und Aufzeichnung aller Aktivitäten einer ganzen Stadt/Region mit hochauflösenden Dronenvideos (LiveStreetView)

3 – Erfassung und Analyse von Kriminal- und Umfelddaten inklusive personenbezogener Daten zum Erstellen von Tatszenarien, potenziellen Täterprofilen und Gefährderlisten. (PredPol, HunchLab, Matrix, HeatList)


Precobs – Das Google Maps für (zukünftige) Einbrüche

Precobs, kurz für Pre Crime Observation System, ist eine von der Firma Institut für
musterbasierte Prognosetechnik entwickelte Software, die in mehreren Bundesländern erprobt wurde und aktuell z.B. in München eingesetzt wird. In die Datenbasis der Software fließen Deliktdaten aus dem Bereich Einbruchskriminalität ein, die systematisch nach Zeit und Ort und Modus Operandi

gespeichert werden. Der Prognose-Algorithmus basiert auf der sogenannten Near Repeat Prediction Method. Dieser liegt die Beobachtung zugrunde, dass bestimmte Deliktarten, speziell Straßenraub und Einbrüche, oft serienmäßig auftreten. Das heißt, innerhalb kurzer Zeit werden Folgetaten derselben Kategorie in räumlicher Nähe zu den ursprünglichen Taten verübt. Ziel des Verfahrens ist es, mithilfe von Daten aus der Vergangenheit herauszufiltern, wann und wo Häufungen von Straftaten erfolgten und auf dieser Basis eine Karte mit sogenannten near repeat areas zu erstellen, in denen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Straftaten ereignen sollen. (s. Abbildung ifmp.org)

Die Ausgangsdaten werden optimiert durch die Vorselektion von Straftaten bei der Dateneingabe. So ist z.B. der verlassene Liebhaber, der bei der Ex den Verlobungsring mitgehen lässt, weniger wiederholungsanfällig als ein Modus Operandi, bei dem in freistehenden Vorstadvillen Balkontüren aufgehebelt werden, um gezielt Laptops zu stehlen. Durch die Vorselektion gelangt man zur Klassifizierung von sogenannten Triggerevents, die mit Hilfe historischer Daten auf Folgeevents hinwiesen. Auf der Basis der Eigenschaften dieser Events versucht man aktuelle Daten so zu analysieren, das potenzielle Triggerevents markiert werden, die in der nahen Zukunft wahrscheinlich zu Folgetaten führen werden. Die Qualität der Analyse steigt natürlich durch die Erfahrungswerte bei der initialien Datenklassifizierung und durch das stetige Einfließen aktueller Daten. Die Hersteller werben auf Ihrer Website mit einer 80% Trefferquote bei der Zuordnung zu Triggerevents und damit, dass sich in der Folge durch gezielte Bestreifung “deutliche Tatreduktionen” in den beteiligten Gebieten festellen lassen.

Von Experten wird die Prognosereichweite dieser Technik unterschiedlich eingeschätzt. Besonders durch die Schwierigkeit, dass in die statistische Evaluation Taten einfließen müssten, die sich durch vermeindlich gezielte Polizeiarbeit eben gerade nicht ereignet haben.

Der zweijährige Einsatz von Precobs in Stuttgart und Karlsruhe wurde vom Max Planck Institut Freiburg evaluiert. Trotz teilweise beeindruckender Zahlen der rein technischen Zuordnung von Folgedelikten zu Triggerevents, ist die Auswirkung auf die Gesamtkriminalität nicht sehr hoch.

“Der wichtigste Schluss ist, dass kriminalitätsmindernde Effekte von Predictive Policing im Pilotprojekt P4 wahrscheinlich nur in einem moderaten Bereich liegen und allein durch dieses Instrument die Fallzahlen nicht deutlich reduziert werden können.” (MPICC, S. 85)

Die Untersuchung verweist auf die Schwierigkeit, in dem äußerst komplexen Studiengebiet kausale Zusammenhänge herzuleiten. Ein weiterer herausgestellter Aspekt, der auch im Film Pre-Crime angesprochen wird, ist die Akzeptanz der Technologie durch die Polizisten. Sollten diese den Eindruck haben, von einer instransparenten Maschinerie fremdgesteuert zu werden, was dann bei Mehrarbeit zu nur geringerer Verbesserung in Sicherheitslage führt, dürfte die Bereitschaft, sich dort einzubringen, gering sein.

Auch wenn diese Form des Predictive Policing datenrechtlich unbedenklich ist, können auch bei den Bürgern Fragen aufkommen, die über reine Effizienzbewertungen hinausgehen. Z.B. ob durch PP-Verfahren eine zusammengesparte Polizei nur noch in bestimmten Gebieten patroulliert und andere Stadtteile und/oder Deliktklassen dadurch vernachlässigt werden.

Insgesamt bleibt zu sagen, dass das Modell Precobs noch sehr weit von den Verheißungen der Precrime-Abteilung in Minority Report entfernt ist: In der Begleitstudie ist für den Studienzeitraum von lediglich einer tatsächlichen Verhaftung die Rede, die auf Grund eines Precobs Alarms durchgeführt werden konnte.

 

Wide Area Surveillance – Big Drone is watching you, and listening too

Quelle: Produktwebsite Shotspotter.com

Die zweite Technik, die im Film nur angerissen wird, ist die Möglichkeit der Strafverfolgung durch ausgeweitete Überwachung des öffentlichen Raumes durch Videokameras und auch Mikrofone. Diese wird durch ein spektakuläres Beispiel vorgeführt, in dem eine gesamte Stadt durch fliegende Kameras flächendeckend abgefilmt und diese Daten in einem zoombaren Film gespeichert werden. Hier nähert man sich Science-Fiction-Modellen wie dem Simulacrum in Tom Hillenbrandts Zukunftsthriller “Drohnenland” an. Man zoomt einfach an den Tatort eines Geschehens heran und spult nun das 4D-Abbild der Realität vor oder zurück, um zu sehen, aus welchem Haus der Täter morgens herauskam oder wohin er nach der Tat flüchtete. Auch wenn diese Technik im engeren Sinne keine Technik des Predictive Policing ist, erhofft man sich von solchen Überwachungskameras auf Steroiden abschreckende Effekte durch die Unterstützung bei der Aufklärung. Welche gigantische Dimensionen ein solcher Technikeinsatz haben kann, zeigt das Modell ARGUS-IS (Autonomous Real-Time Ground Ubiquitous Surveillance Imaging System), in dem eine in 5km Höhe fliegende 1,8 GPixel Kamera zusammen mit 368 Sensoren Objekte mit einer Auflösung bis zu 15cm erfassen kann. Die anfallenden Daten erreichen dabei bis zu 1 Million Terabyte am Tag. Eine andere Technik, die nur ganz kurz angesprochen wird, ist die akustische Überwachung von Innen- und Außenräumen durch Sensoren, die über Triangulation von Sensordaten die Position von Schüssen aus Feuerwaffen lokalisieren sollen.

Wie bereits gesagt, haben die in diesem Abschnitt präsentierten Techniken nur insofern mit Predictive Policing zu tun, als dass die Gefahr des Entdecktwerdens und der erleichterten Aufklärung eventuell abschreckende Effekte bei potenziellen Tätern hat. Sie gehören in den Kontext der Diskussion über allgegenwärtige Überwachungskameras.

Die Chicago Heat List – Pipi Langstrumpf-Arithmetik beim Crime-Tinder

Kommen wir zum Herzstück des Films Pre-Crime, den Systemen Matrix und Heat List, deren Auswirkungen ausführlich unter anderem mit zwei Betroffenenen diskutiert werden. Da ist Robert McDaniel, der aufgrund seiner Vorgeschichte und von Ereignissen in seinem Umfeld auf eine sogenante Heat List der Polizei von Chicago gerät. Das Programm erstellt auf der Basis persönlicher Merkmale wie vergangenen Kontakten mit der Polizei, aber auch Straftaten im räumlichen oder persönlichem Umfeld eine Gefährder- und Gefährdetenliste. McDaniel gerät wegen kleiner Delikte und einem Mord in seinem persönlichem Umfeld auf diese Liste. Das Programm sieht vor, dass eine gezielte Ansprache durch die Polizei erfolgt, die ihm mitteilt, dass er nun unter besonderer Beobachtung stehe. Ein ähnliches englisches Programm mit dem Namen Matrix, dass sich der Bekämpfung von Gang-Kriminalität widmet, wird am Beispiel eines jungen farbigen Engländers namens Smurfz vorgestellt. In den Interviews wird schnell klar, dass die psychischen Auswirkungen dieser Dauerüberwachung, sowie die Intransparenz, wie man auf die Beobachtungsliste gekommen ist, sowie die Aussicht nicht wieder herunter zu kommen, für die Betroffenen in kafkaeske Situationen bringen können.

Zur Datenbasis der Software äußert sich die Polizei von Chicago in der Chicago Suntimes folgendermaßen. Es fließen unter anderen folgende persönliche Daten ein:

  • Arrests of gun crime
  • Violent crimes of drugs
  • Number of shooting or assaulting incidents
  • Age of last arrest
  • Gang membership

Auf der Basis eines Algorithmus des Illinois Institute of Chicago wird dann ein individueller “risk assessment score” zwischen 0 und 500 errechnet, und basierend darauf eine “strategic subject list” (SSL) erstellt. In den Fokus polizeilicher Maßnahmen gerät man mit einem Score von mehr als 250 Punkten. Insgesamt flossen knapp 400.000 Datensätze von Verhaftungen in die Erstellung der Liste ein, die etwa 1.400 “Stragegische Subjekte” enthält.

Die Intransparenz dieses Verfahrens rief Presse und Bürgerrechtler auf den Plan, welche auf der Basis des Freedom of Information Act Einsicht in die Liste und deren Erstellung verlangten. Schließlich veröffentlichte die Polizei die gesamte anonymisierte Liste, aus fahndungstechnischen Gründen in einer veralteten Version.

Diese ist bis heute auf dem Datenportal der City of Chicago einsehbar oder direkt bei der Chicago Suntimes herunterladbar. Man kann in der knapp 400.000 Zeilen langen Datenbank (s. Abbildung unten) in Spalte A den risk-score sehen, dann eine Menge Flags zu einzelnen Bewertungs-Faktoren, schließlich werden Hautfarbe (K) und Ortsdaten (AF ff.) der letzten Verhaftung festgehalten.

Die New York Times hat kürzlich versucht, den Algorithmus aufgrund der Daten zu rekonstruieren und fand folgende Faktoren:

No. of assault or battery incidents (as victim) +34
No. of shooting incidents (as victim) +17
No. of arrests for violent offenses +15
Trend in criminal activity +14
No. of unlawful use of weapon arrests +12
No. of narcotics arrests +5
Gang affiliation +4
Age (per decade) -41

Nach dieser Rechnung käme ein 20 Jähriger, der fünf mal Opfer von Überfällen wurde und viermal wg. Gewalttätigkeit sowie fünfmal wg. Drogenbesitz verhaftet wurde, schon auf 255 Punkte und damit auf die Liste, und hierbei ist der schwerverständliche Faktor “Trend in Criminal Activity” noch nicht eingerechnet. Dass man in Chicago auf der Basis von wahrscheinlich überteuert eingekauften Algorithmen der Grundschularithmetik auf die “strategic subject list” kommen kann, das hat sich ein Robert McDaniel im Film kaum träumen lassen.

Ein Problem, das den “strategischen Subjekten” im Film schwer zusetzte, war das Wissen, dass man von dieser Liste nicht so schnell wieder herunterkommt. Und in der Tat ist das einzige “Strafpunkte” mindernde Verfahren offensichtlich das Alter. Im schlimmsten Falle mindert sich in unserem Beispiel der risk-score erst nach10 Jahren, denn für jede Altersdekade werden ja wohl in Erwartung geistiger Reifung der “Subjekte” 41 Punkte abgezogen.

Obwohl die Chicagoer Polizei behauptet, der Algorithmus benutze die Fakoren “race” und “sex” nicht, sind diese in der Gesamtdatenbank enthalten und man kann einen Anteil von 85% African American (Merkmal BLK) erkennen. Die Häufigkeit der Kriminalisierung schwarzer Jugendlicher wird im Film von Smurfz als systematischer Rassismus durch Racial Profiling gebrandmarkt. Auch die Experten im Fim unterstellen den Programmen, dass damit die Aufmerksamkeit der Polizei überproportional auf bestimmte Tätergruppen (jung, schwarz, arm) gelenkt wird und Kleindelikte (Marihuana-Besitz) überbetont werden. Dabei gerät etwas aus dem Blick, dass das SSL-Programm in der Grundanlage opferzentriert war. Es war eines von insgesamt 11 Programmen zur Gewaltverminderung in Chicago im Graubereich von Gangkriminalität, wo Opfer- und Täterstatus häufig schwer zu trennen sind.

Ebenso wie in Deutschland das Precob-Programm wissenschaftlich begleitet wurde, hat in Chicago die RAND Corporation das SSL-Programm untersucht, mit dem Ergebnis:

“Individuals on the SSL are not more or less likely to become a victim of a homicide or shooting than the comparison group, and this is further supported by city-level analysis. The treated group is more likely to be arrested for a shooting.” (RAND / Springer)

In der Studie von RAND wird übrigens neben der technischen Analyse noch einmal darauf verwiesen, dass das Programm nicht nur im Sinne eine Computerprogramms, sondern viel umfassender als ein Sozialprogramm konzipiert wurde. Das wird auch im Film angedeutet, geht aber etwas unter: Es handelt sich um eine selektive Gefährder- und Gefährdeten-Ansprache, die neben der Androhung von verschärfter Überwachung auch Hilfsprogramme für den Ausstieg aus Drogen- und Gangkriminalität angebieten sollte. Die Vernachlässigung dieses Aspektes wurde in der Auswertung durch RAND auch bemängelt, da die Polizei die Liste primär zur Optimierung ihrer Verhaftungsaktivitäten genutzt hat. Was allerdings trotz massiver Eingriffe in personenbezogene Daten nicht zu einem spürbaren Rückgang der Gewaltkriminalität in Chicago geführt hat. Folgerichtig verweist im Film ein Sozialarbeiter daruf, dass die Entkoppelung der sozialen Aspekte von Kriminalität zugunsten reiner Mathematik kaum nachhaltige Verbesserungen der Sicherheit bringen kann.

HunchLab – Die Ausweitung der Kampfzone

Der umfassendste Ansatz, der im Film gezeigt wird, ist der des HunchLab-Programms, das die Firma Azavea mit der Polizei von Philadelphia entwickelt hat. Grundlage einer optimierten Einsatzplanung der Polizeikräfte ist eine Gewichtung einzelner Straftatkategorien.

Quelle: Hunchlab.com

Auf der Basis der Annahme, dass eine aus dem Auto geklaute Tasche anders gewichtet werden muss als ein Mord (etwa 4.044 mal so schwerwiegend) werden Gewichtungen für die Einsatzplanung ermittelt. [Anmerkung am Rande: Lese nur ich implizite Dollarzeichen vor den Zahlen zu Security Weight oder geht es anderen genau so?]

Die Verarbeitung der Ausgangsdaten folgt verschiedenen Kriminalitätstheorien, wie den bei Precobs verwendeten Near Repeat Pattern, dem sogenannte Risk Terrain Modeling und recht profanen aber wahrscheinlich teuer bezahlten Faustregeln wie saisonalen Deliktwahrscheinlichkeiten aufgrund von Tageszeit und Wetter; im Endeffekt der Mathematisierung des gesunden Menschen-/Polizistenverstandes.

Nicht ganz klar wird allerdings, wie genau personen- oder personengruppenbezogene Daten einfließen (s.u. in der hunchlab.com Slide: “Proximity and concentration of know offenders”).

Quelle: (Hunchlab.com)

Soweit zu den Input-Daten, nun zur Prediction-Engine. Hier verweist Hunchlab darauf, dass es mehrere Algorithmen und Machine-Learning-Mechanismen vereint.

Der Hauptalgorithmus wird folgendermaßen beschrieben:

“The primary model HunchLab currently uses is a stochastic gradient boosting machine (GBM) comprised of decision trees trained using the AdaBoost loss function. This model is built to forecast whether a crime event will occur or not in a given space-time raster cell (a binary outcome).” (Hunchlab.com)

Im Kern nutzt man ein Lernmodell, das durch Trainingsdaten konditioniert wird und in mehreren Durchläufen auf minimale Fehler optimiert wird, bevor dann die zu untersuchenden Daten eingespeist werden, was zu einer Risk-Map für ein bestimmtes Raum-Zeit Fenster führt.

Die Ablaufskizze des Algorithmus ist in der Produktpräsentation dargelegt.
https://cdn.azavea.com/pdfs/hunchlab/HunchLab-Under-the-Hood.pdf

Gradient Boosting wird mathematisch hier erklärt:
http://blog.kaggle.com/2017/01/23/a-kaggle-master-explains-gradient-boosting/

Im Unterschied zu Precob oder dem “SSL”-Verfahren ist das Modell nicht auf eine bestimmte Straftatkategorien fokussiert, sondern gibt anhand der ganz zu Anfang aufgestellten Gewichtung verschiedener Straftaten, gleichsam als Utilitarismusmaschine Empfehlungen, wie man die Polizeikräfte so einteilt, dass sich der Gesamtschaden für das überwachte Gebiet minimieren lässt. Dafür gibt es eine mobile Komponente, die den Einsatzteams vor Ort vorgibt, wo sie “am meisten gebraucht werden”.

Quelle: Hunchlab.com

Potenziell kann in dieses Modell jegliche Form von nicht kriminalitätsbezogenen Zusatzdaten eingespeist werden. Der Film suggeriert ohne direkten Bezug auf das im Einsatz befindliche Programm, dass zum Beispiel Äußerungen in Sozialen Medien oder Einkäufe einfließen könnten. Und tatsächlich beruft sich das Team von Hunchlab in seiner Präsentation auf Vorhersage und Profilingmodelle, die in der Online-Werbung verwendet werden. Der Schritt, Werbedaten auch auf der Inputseite zu verwenden, dürfte nicht weit hergeholt sein. Hier stellt der Film zurecht die Frage, was wäre, wenn Personen oder Personengruppen durch diese Modelle anstelle mit vermeindlich passender Werbung bombardiert zu werden, bevorzugt leibesvisitiert werden. Hierzu kann man einmal “Pressure Cooker Bagpack Story” googeln. Ein Problem der genauen Evaluierung besteht darin, dass Hunchlab als kommerzielles Unternehmen, bestimmt kein verschärftes Interesse daran hat, seine Betriebsgeheimnisse offenzulegen. Das führt uns zur nächsten Komponente im Pre-Crime Komplex: dem Business.

Das Crime-Business – Vom BünaBe zum Robocop

Die Entwicklung und der Einsatz von Predictive-Policing Mechanismen läuft wirtschaftlich vor der Folie sinkender öffentlicher Ausgaben für die Polizei bei gleichzeitiger Auslagerung hoheitlicher Aufgaben in die Privatwirtschaft (PPP) ab. Die Verheißung eines effizienteren Einsatzes einer zusammengesparten Polizei dürften daher den Kämmerern in der Politik willkommen sein. Dass auf der Firmenseite nicht unerhebliches Business gewittert wird, sieht man daran, dass neben kleineren Spezialanbietern, große US-Firmen eingestiegen sind. IBMs SPSS bildet die technische Grundlage von Precobs, Oracle bietet in Zusammenarbeit mit Accenture eine Integrated Policing Platform an. Die Verwirtschaftlichung der Polizeiarbeit kann dabei falsche Indikatoren (sog. Key Performance Indicators, KPI) setzen, die direkt mit Profiten verlinkt sind. Man vergleiche dazu einmal die Entwicklungen bei der Privatisierung des Strafvollzugs in den USA mit zweistelligen Renditen.

Werden die KPIs nach Innen in die Polizei z.B. als Verhaftungsquoten weitergereicht (man vergleiche oben die Ergebnisse der RAND/SSL-Studie), so pflanzt sich der Software-Algorithmus als sozialer Algorithmus in die Polizeiorganisation fort. Nicht nur die gemonitorten Verdächtigen werden objektifiziert, auch der Polizist wird schlimmstenfalls vom “bürgernahen Beamten” (BünaBe) zum datengesteuerten Robocop. Die amerikanischen Systeme benennen die Polizisten dementsprechend auch nicht mehr Ermittler/Investigator sondern “Operator”. Von hier fällt ein Schlaglicht auf das Aufsaugen jahrelanger Erfahrung – zum Beispiel bei der Klassifikation von Fällen bei Precobs (s.o.) – durch die digitale Infrastruktur. Systembedingt sinken Qualifikationsansprüche und Ermessenspielräume für den einzelnen Polizisten, was sich zwangsläufig auch im Vertrauensverhältnis des Bürgers zur Polizei ausdrücken wird.

Bewertung der Modelle

Wir haben gesehen, dass bereits eine ganze Reihe von Predictive Policing Methoden in der Erprobung oder Anwendung sind. Auch in Deutschland. Im Zuge der Ausweitung von Gewaltkriminalität und der Zunahme von organisierten Verbrechen wäre es fahrlässig, wenn die Polizei sich nicht guter technischer und organisatorischer Mittel bemächtigt, um ihren Aufgaben gerecht zu werden. Für die Polizei, aber auch den betroffenen Bürger, stellen sich dabei allerdings einige Fragen.

Bringen neue eventuell kostspielige Techniken wirklich den versprochenen / erwarteten Zuwachs an Sicherheit?
Obwohl viele der Modelle relativ neu und noch in Erprobungsphasen laufen, zeichnet sich ab, dass der Nutzen in der Realität vom versprochenen Hersteller-Nutzen erheblich abweichen kann. Akzeptanz kann nur durch transparente Kommunikation der Ziele, Verfahren und Ergebnisse erreicht werden. Bei Bürgern wie bei auch den “Operatoren”.

Inwieweit werden Grundrechte aufgeweicht, um vermeindlich höhere Sicherheit zu erreichen?
Ermittlung bei Tatverdacht ist natürlich sinnvoll und geboten.Sich beim Tatverdacht nur auf Kommissar-Zufall oder die “Nase” des Ermittlers zu verlassen ist fahrlässig. Dennoch gibt es Gefahren für Grundrechte selbst bei nicht personenbezogenen PP-Verfahren, man denke zum Beispiel an die Ausweisung sogenannter Gefahrengebiete in Hamburg 2016, in denen anlasslose Ausweiskontrollen und Durchsuchungen möglich sein sollten. Bei der Verwendung von personenbezogenen Daten wird es noch kritischer. Das Rating von Kunden durch automatische Verfahren zum Beispiel bei Versicherungen und Banken ist problematisch genug, aber die Zusammenführung solcher Daten zu einem Bürgerscoring, wie es momentan in China gemacht wird, dürfte selbst in Ansätzen hochproblematisch für unser Rechts- und Bürgerverständnis sein.

Wie wird durch den Einsatz von Predictive Policing eine implizite Ressourcenallokation vorgenommen, die den Interessen der Bürger eventuell zuwider läuft?
Das fängt auf der unteren lokalen Ebene an:
Werden besonders reiche Stadtviertel übermäßig stark gemonitored, um dort Straftaten zu vereiteln, wohingegen in anderen Stadtteilen Polizeikräfte abgezogen werden? Auch bei den Deliktarten stellt sich die Frage der Fokussierung. Etwa: Werden öffentlichkeitswirksame Verhaftungen von Kleindealern mit höherem Aufwand verfolgt als zum Beispiel schwere Gewalttaten im heimischen Bereich? Und schließlich auf gesellschaftlicher Ebene, das hat Heeder im Film und auch in der anschließenden Diskussion herausgestellt: Warum werden diese Modelle bevorzugt bei Kleinkriminellen angewandt und nicht in viel größeren Ausmaß bei der organisierten Kriminalität? Auf höherer Ebene, also bei den Hintermännern wird jede organisierte Kriminalität zu Wirtschaftskriminaliät. Und gerade bei Wirtschaftsdelikten wäre eine datengestützte Verfolgung und Analysen von Zahlungsströmen sicher viel effektiver, als der Versuch das Verhalten eines sprunghaften 20-Jährigen vorherzusagen.

Wie wird durch die Verwirtschaftlichung des öffentlichen Gutes “Sicherheit” die Gesellschaft verändert?
Im Zuge der Digitalisierung findet eine beispiellose “Objektivierung” impliziter Annahmen und Konsense statt, die gerade wenn wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen, zu nachhaltigen Veränderungen gesellschaftlicher Grundparameter führen kann. Zum Beispiel: Die Aufweichung des Täterbegriffes zum dauerobservierten “Gefährder”, die Enteignung von Wissen, Intuition und Mitgefühl bei den Polizisten durch Privatfirmen und die Ausblendung der gesellschaftlichen Ursachen von Kriminalität zugunsten eines reibungslosen und zudem profitablen Vollzugsapparates. In den Broschüren der IBMs und Oracles findet sich datengestützte Sicherheit als Baustein der sogenannnten Smart Cities. Daher gilt es bei diesem schillernden Begriff besonders kritisch zu bleiben, damit (um es tagesthemen-kompatibel zu formulieren) am Ende nicht die Bürger der Dummen in den profitablen Smart Cities sind.

Pre-Crime läuft seit dem 17. Oktober in deutschen Kinos. Auf der Website www.precrime-film.de kann man erfahren wo. Wer einen erste Einblick in diese neuen Überwachungstechniken erhalten möchte, dem sei der Film empfohlen, besonders als Diskussionsgrundlage für Workshops oder Schulprojekte. Auch wenn der Film durch seine visuell etwas überladene Stuktur in Teilen an Erkenntnisqualität einbüßt, so hat er dennoch das Potenzial, eine Diskussion anzuregen, wie Verbrechen und Verbrecher definiert werden, und wie unser gesellschaftlicher Umgang damit sein sollte.

Interview mit Regisseur Matthias Heeder:
https://www.zdf.de/kultur/aspekte/videos/heeder-doku-precrime-aspekte-exklusiv-01-09-2017-100.html

Filmkritik in der Zeit:
http://www.zeit.de/digital/datenschutz/2017-10/pre-crime-film-predictive-policing

Talfahrt der Tagespresse – eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung

„Hier steht: Die Zukunt des Business liegt im Internet –  Wir müssen in’s Internet.“
„Wieso?“
„Steht da nicht.“
IBM Werbespot

Nach einer gängigen Theorie sinken die Auflagen der Tageszeitungen hauptsächlich deshalb, weil immer mehr – insbesondere Jugendliche – ihren Infomationskonsum vom Papier auf digitale Medien und hier primär auf ihre Handys und Tablets verlegen. Dieses Erklärungsmuster führte bei den Verlagen bisher vor allem zu einer Reaktion:

„Wir müssen ins Internet“

Dass diese monokausale Erklärung (und die naheliegende Lösung) so einfach nicht besteht, darauf wies kürzlich bei einem gemeinsamen Seminar an der Evangelischen Journalistenschule mein Kollege Peter Berger (medienstratege.de) hin, als er ein Schaubild zeigte, auf dem der Auflagenschwund der Tagespresse schon vor dem Siegeszug des Internets, ja sogar deutlich vor der Einführung des Internets in Deutschland begann.

Diese Entwicklung interessierte mich besonders als Vertreter der Generation 7-Bit, die Lokalberichte für die WAZ noch in der elterliche Küche in die Schreibmaschine tippte und später dann bei AOL unter der Aegie des Sensenmanns der kreativen Zerstörung, Dr. Middelhoff  an der Betaversion des Internet rumschraubte und dort die Kabel verlegte, die heute als Fallstricke der Regionalzeitung gelten.

 

Die Studie “Talfahrt der Tagespresse”

Kurz danach fiel mir die Studie “Talfahrt der Tagespresse” von Prof. Dr. Andreas Vogel in die Hände, die im letzten Jahr von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegeben wurde und die ich hier in diesem Blogbeitrag jedem ans Herz legen will, der sich bei den Tageszeitungen oder in der Beratung derselbigen tummelt. (Download der Studie als PDF)

Studie funktioniert digital wie analog
Diese Studie funktioniert digital wie analog genauso gut.

Prof. Vogel ist ungefähr seit der Zeit als in Deutschland das Internet angeknipst wurde, Leiter des Wissenschaftlichen Instituts für Presseforschung und Medienberatung (presseforschung.de) und hat sich in der Studie „Talfahrt der Tagespresse“, wie im Untertitel versprochen wird, auf „Eine Ursachensuche“ begeben, und die ist nicht nur aufgrund des Umfangs der 120-seitigen Studie wesentlich gründlicher als alles, was  dazu bisher auf kargen Powerpointfolien zum Ende der Gutenberg-Galaxis präsentiert wurde.

Methodik der Studie

Prof. Vogel weist schon in der Einleitung darauf hin, dass er bei seiner Untersuchung über den Handyrand blicken will, um dem Auflagenschwund der Tagespresse nachzuspüren. Diese sozioökonomische Sichtweise erweitert wohltuend den Horizont für Männer, die auf Zahlen starren. Folgende Entwicklungen werden von Vogel genannt:

• Das (un)politische Klima in der Bundesrepublik,
• der Rückzug ins Private,
• Konsumorientierung,
• steigende Politik-Verdrossenheit,
• veränderte Mediennutzung durch die Einführung des Privatfernsehens,
• zunehmende Individualisierung
… (S.8)

Die offensichtliche Verschiebung der Mediennutzung (von Analog zu Digital) ist nach der Ansicht von Prof. Vogel nicht die Ursache der Talfahrt der Tagespresse, sondern ebenfalls eine (Aus-)wirkung der oben aufgezählten und anderer soziodemografischer Entwicklungen,  wozu er u.a. zählt:

• den Rückgang der deutschsprachigen Bevölkerung,
• anhaltende Wanderungsbewegungen in die Großstädte und Metropolregionen,
• die Zunahme von Single-Haushalten,
• eine zunehmende Mobilität der Bevölkerung … (S.9)

Neben den durch ein solides Zahlenwerk quantifizierten demografischen und sozioökonomischen Faktoren führt Vogel auch, und das klingt in der KPI-verliebten Digitalkultur heutzutage wie ein Lied aus alten Zeiten „inhaltliche“  Gründe für den Niedergang eines Modells an, das sich zwischen Renditefantasien (Verleger) und Rententräumen (Redakteure) auf Talfahrt begeben hat:

• schwindende Bindungskräfte politischer und kultureller Institutionen,
• Überforderung formal schlechter Gebildeter durch die Kulturtechnik Zeitungslesen,
• Unterforderung formal besser Gebildeter durch die Zeitungsinhalte,
•  Entfremdung der Zeitungswelten von den Alltagswelten junger Erwachsener.
(S. 10)

Dass er diese weichen Faktoren keineswegs für Gedöns hält, sondern gerade hier schwer verkannte Ursachenbündel und damit verschenkte Lösungsansätze für die Tageszeitungen sieht, macht Vogel deutlich:

„Zu schnell und zu leichtfertig führen heute weite Fachkreise und Kommentatoren die Digitalisierung allgemein, das Internet und in der Folge ein geändertes Rezeptionsverhalten junger Menschen als wesentliche Begründung an, was der gesamten Diskussion inzwischen eine Richtung gibt, die aus Sicht des Autors für die Tagespresse gefährlich in die Irre führt. Gefährlich, weil sie falsche Schlüsse für die weitere Geschäftsfeldplanung und einseitige Investitionsschwerpunkte impliziert.“
(S.10)

In den acht folgenden Kapiteln untersucht Vogel, auf der Basis von unfangreichen Statistiken die genannten Faktoren, wohl wissend, dass es weder eine dominante Ursache, noch eine eindeutige Gewichtung der Einflüsse geben wird.  Der Verweis, dass auch harte Fakten zu falschen Schlüssen führen können, wenn man falsche Prämissen voraussetzt, zeigt wie grundlegend und gründlich Prof. Vogel seine Analyse durchdacht hat.  So kontrastiert er einige überholte Annahmen mit neueren Erkenntnissen zur Mediennutzung, demnach gebe es:

 Keinen Gratifikationswettbewerb 
Die Nutzung eines Medium geschieht nicht zwangsläufig auf Kosten eines anderen

Keine Fokussierung auf ein Medium
Viele Medien werden heute häufig parallel genutzt

Kein Kontingentbewusstsein
Es gibt weder einen festen finanziellen Medienetat noch ein Aufmerksamkeitsbudget.

Vogels wichtigste Methode heißt. Genaue Datenanalyse.

Tagespresse - auch ohne Internet auf Talfahrt
Tagespresse – auch ohne Internet auf Talfahrt

„Wenn der Unterschied zwischen einer Projektion auf der Basis der Situation des Jahres 1996 und der tatsächlichen Entwicklung bis in das Jahr 2013 nur um knapp 5 Prozentpunkte abweicht – was bedeutet dies für die gängige Ursachenbehauptung „Internet/ Onlinekommunikation“? Denn nur diese 5 Prozentpunkte – dies entspricht einem Neuntel des gesamten Auflagenrückgangs im Zeitraum 1983 bis 2013 – könnten ja dann der neuen digitalen Konkurrenz zugerechnet werden.“ (S.21)

Dient diese kleine Übung noch der Illustration von Vogels Voraussetzung: der Ablehnung der simplifizierenden Erklärung  „Online killed the newspaper stars“,  so zeigt er im Folgenden am Beispiel von 15 ausgewählten Regionalzeitungen, mit Bezug auf sozioökonomische Daten:

auflagen2„Regionale Abonnementszeitungen in wirtschaftlich leistungsfähigen Regionen, die aus mittelstädtischen Gebieten mit tradiert ländlichem Umfeld bestehen, haben einen deutlich geringeren Auflagenrückgang als solche, die in eher großstädtischen Umgebungen herausgegeben werden.“ (S. 30)

In einer Ausdeutung wie der obigen sieht man die Vorgehensweise, die sich durch die gesamte Studie zieht: genaue Datenanalyse mit Bezug zu demografischen und ökonomischen Entwicklungen als Grundlage für das Aufspüren der Auswirkungen auf die Regionalpresse. Oft begleitet von Ansätzen zu Lösungsstrategien.

 

Erkenntnisse der Studie

Vogels Kernthese ist, dass die klassische regionale Tageszeitung in einem bestimmten Biotop gedeiht: den (gut) bürgerlichen Familienverhältnissen mit regionaler Einbettung

In detaillierten Datenanalysen zeigt Vogel dann auf, dass so ziemlich jeder Aspekt dieses Biotops durch den sozioökonischen Wandel der letzten Jahrzehnte erodiert ist und weiter erodiert und damit auch der Tagespresse in ihrer klassischen Gestalt die Grundlage entzogen wird. Daher findet man weder in der kostensenkenden Minimierung der redaktionellen Leistung noch in der besinnungslosen Digitalisierung eine konstruktive Strategie für Regionalzeitungen. Einzig in der Anpassung an die Fragementierung der Lebensverhältnisse liegen Ansätze zu einer Rekonstruktion funktionierender redaktioneller Regionalangebote.

Zum genauen Nachvollzug der Schlüsse Vogels empfehle ich dem kundigen Leser Kapitel 2 bis 8 der Studie. Hier seien mit Hinblick auf das Kapitel 9 „Entwicklungsperspektiven und Chancen“ einige der Faktoren vorgestellt, die Vogel für entscheidend für die Talfahrt der der Regionalzeitungen hält, und worin Ansätze zu einer Weiterentwicklung liegen könnten.

Migration
Während Marketing und Werbung diese Zielgruppe längst entdeckt hat, hat die deutsche regionale Tagespresse  “die Migrantenthematik jahrzehntelang ignoriert. Obwohl Migranten nicht nur als Leser interessant sind, sondern auch als lokale Anzeigenkunden.2013 nun gibt es erste Ansätze einer stärkeren Zuwendung zu diesem Bevölkerungsteil durch die Tagespresseverlage…“ (S.44)

Auflösung der Familienstrukturen
„Werden die deutschen regionalen Tageszeitungen dieser Vielfalt der Familienkulturen, Lebensentwürfe von Paaren ohne Kinder und Lebensgestaltungen Alleinlebender in ihrer Berichterstattung gerecht? Haben die Zeitungsredaktionen in den letzten zwanzig Jahren die Veränderungen der Alltagswelten der Bevölkerung in Deutschland hinreichend begleitet? Wer dies eher verneint, der hat bereits ein erstes relevantes Erklärungspotential für die seit Jahrzehnten sinkenden Tagespresse-Auflagen gefunden.“ (S.54)

Fragmentierung von Regional- und Millieubindung
„Welche Chancen können unter solchen Rahmenbedingung in Zukunft noch Geschäftsmodelle haben, die regionale Tageszeitungen als monolithisches „Medium für Alle“ in ihren jeweiligen Verbreitungsgebieten konzipieren und vermarkten?“ (S. 66)

Veränderte Arbeitswelt, Einkommensituation und Konsumgewohnheiten
„Der Gesamtetat der deutschen Haushalte für Zeitungen und Zeitschriften stagniert seit den 1990er Jahren, während andere Konsumausgaben deutlich gesteigert wurden. Der monatliche Ausgabespielraum vieler Privathaushalte in Deutschland ist für nicht dauerhafte Güter deutlich kleiner geworden als er es noch Anfang der 90er Jahre war.“ (S. 83)

Überproportionale Preissteigerungen
„Eine wesentliche Veränderung, die allen Titeln gleich ist, besteht im erheblichen Anstieg des Copypreises im Einzelverkauf. Nicht nur die ostdeutschen Titel haben sich zwischen 1991 und 2013 um 385 bzw. 423 Prozent in der Woche erheblich verteuert. Auch die Verkaufspreise von Göttinger Tageblatt und WAZ sind in diesem Zeitraum um 326 bzw. 317 Prozent gestiegen.“ (S.97)

Abwanderung der Rubrikenmärkte
„Das Abwandern der Rubrikenmärkte in das World Wide Web hatte nicht nur für die Anzeigeneinnahmen der Tagespresseverlage erhebliche Auswirkungen, sondern es hatte auch Folgen für den Zeitungsverkauf“ (S.101) Insbesondere weil einer der wesentlichen „Inhalte“ für den Kauf einer Zeitung nun nicht mehr in diesem Medium vorhanden ist. – Insofern ist die Strategie des Axel Springer Verlags, diese im Print weggefallenen Inhalte und Einnahmequellen der Rubrikenmärkte digital wieder durch Zukauf entsprechender Portale zu substituieren eigentlich naheliegend und bauernschlau. (Meine Anmerkung)

Funktionswandel der regionalen Tagespresse
Hier zieht Vogel einen ersten Schluss, der als Prüfstein  aller Reformierungsanstrengungen der Tagespresse dienen kann:
Wenn die Voraussetzungen der Tagespresse in Fragmente zerfällt, muss sich die monolithische regionale Tageszeitung ebenfalls flexibilisieren.
Globale Aussagen dazu gibt es bereits seit 2004. Vogel zitiert hier eine Allensbach Studie: „Neue Zeitungskonzepte müssen vor allem das inhaltliche Angebot optimieren, kompakter, zielgruppenspezifischer oder gar individueller werden, was technisch durch Digitaldruck möglich wird.“ (S 106)

 

Entwicklungsperspektiven und Chancen

Im Unterschied zu der detaillierten Analyse, aus der sich im Laufe der Studie schon viele Ansätze zu einer Reformierung der Tagespresse ergeben, bleibt das Abschlusskapitel ein wenig dünn. Aber der Untertitel der Arbeit lautet ja auch „Eine Ursachensuche“, und wer auf den verbleibenden 12 Seiten der Studie den Masterplan für eine profitable Regionalpresse formulieren könnte, der wäre nicht nur ein Genie, sondern ein Multi-Millionär, der dieses Wissen bestimmt nicht in einem kostenlosen PDF verbreiten würde. Daher bleiben die Ansätze Vogels auch näher an den von ihm vermuteten Ursachen im Verlagswesen als an den Lösungen. Heruntergebrochen auf  Inhalte-Produktion, Vertrieb und Businessmodell sieht Vogel verlagsintern folgende Problemkreise:

Verlegerisches Denken
Es gibt zuwenig Verleger und zuviel Manager in den Tageszeitungen.

Weiterentwicklung des Geschäftsmodells
Das Aufspüren von Entwicklungschancen wird übertrumpft durch rigoroses Sparen oder den Handel mit billig produzierten Inhalten

Renditeverzicht bei sinkenden Anzeigenerlösen
Verleger sollten die neuen Geschäftsmodelle nicht an den Zeiten zweistelliger Renditen messen, denn die sind im Print vorbei.

Qualitätsassessment der Inhalte
Nachdem die Verleger ihr Fett wegkriegten, kommt schließlich noch der Seitenhieb auf die Redaktionen:
„Die Ergebnisse inhaltsanalytischer Untersuchungen wären somit heute als weitere Erklärungsbausteine der Auflagenentwicklung äußerst hilfreich. Sie dürften in Hinsicht auf die Entwicklung der publizistischen Leistungsfähigkeiten vermutlich ernüchternd ausfallen“ (S. 110). Zu deutsch: Man könnte an der Qualität der redaktionellen Inhalte noch einiges verbessern.

Fazit

Als Fazit formuliert Vogel wieder etwas weiter gefasst, aber dennoch pointiert:

„Wirklich neue Konzepte erfordern es aber, sich von zwei Tabus der Zeitungsbranche zu verabschieden:
• erstens dass die regionale Tagespresse universell informieren muss, und
• zweitens dass ihre Ausgaben lediglich nach Verbreitungsgebieten differenzieren.“ (S.111)

„Wie aber könnte eine Differenzierung aussehen? Es ist möglich, Zeitungseditionen nach Verbreitungsgebieten, nach Erscheinungshäufigkeiten und nach Themen zu variieren.“ (S.115)

Alles in allem ein lesenswertes Papier PDF. Allein durch die Daten zeichnet die Studie  ein hervorragendes Bild der soziodemografischen Entwicklung der Bundesrepublik besonders für die Zeit seit 1991. Zahlen , die man auch für andere Argumentationszusammenhänge  noch gut gebrauchen kann. Ansätze des geforderten Aufbrechens des monolithischen Blocks “regionale Tageszeitung” findet man tatsächlich schon heute in einigen neuen Ideen bei Regionalanbietern und Tagespresse wieder.

Taeglich.me - Regionale News und Termine, sonst nichts
Taeglich.me – Regionale News und Termine, sonst nichts

So bei  taeglich.me in der Aufgabe des universalen Informationsanspruchen, durch radikale Fokussierung auf regionale Hintergrundberichterstattung. Eine  schlanke Online Redaktionen recherchiert und produziert ausschließlich für Abonnenten.

Oder in der Differenzierung des Vertriebsmodells wie beim  Kombiabo der taz: in der Woche digital und am Wochenende auf Papier.

Mit der Aufgabe der Abwehrhaltung: „Online ist der Feind von Print“ käme man z.B. unter dem Einbezug der technischen Möglichkeiten crossmedialer Produktion ( Print, Online, Mobile) auf sicher noch weitere Ideen, die zwar das traditionelle Regionalzeitungsmodell bis zur Unkenntlichkeit verändern, aber durch neue Geschäftsmodelle die „aktuelle regionale Berichterstattung“ attraktiv und wirtschaftlich tragfähig machen könnten.

Taeglich.me – Regionales als Full Paid Content

Taeglich.me  bietet ein Full Paid Content Angebot für 60 Euro im Jahresabo.

Fünf Redakteure berichten fokussiert Regionales aus der Region Mettmann. Das Angebot umfasst umfangreiche Regionalberichterstattung mit tiefen Hintergründen sowie Termine aus der Region.

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0171/5453402

Quelle:
Markt und Medien – DLF Interview mit Thomas Reuter. Podcast vom 4.4.2015

Stand: 9.4.2015

Der Markencheck – wie doof halten uns Plasberg und Co.?

Die ARD Talkshow-Produktion unter Programmchef Herres (in gelbem Overall) (Quelle: wikipedia)

Gestern Abend im 1. Fernsehprogramm. “Der Markencheck – Apple”. Nach der immerhin ein Viertel der Sendezeit  umfassenden, anschaulichen Kurzreportage, unter welchen Bedingungen die Arbeitssklaven von Foxconnn unsere Luxushandies zusammenschrauben, Diskussion mit Plasberg: “Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?”

Nicht nur der Imperativ “Hirn aus!” wurde in der Diskussionsrunde beherzigt, auch die Empathie verbrauchte keinen kostbaren Stand-By-Strom. Statt Naomi Klein, Christoph Lauer.

Denn nicht die Frage, wieviel Luxusgüter auf der Basis von Sklavenarbeit wollen wir uns eigentlich leisten, stand zur Debatte, sondern die myopischen Probleme selbstbezogener SUV- respektive Waldorf-Moms und solipsistischer Talkshow-Twitterer. Im Kern der Diskussion. Große Sorge um die verzogene Brut, die sich draum drehte, ob Kinder in der Schule SMS schreiben dürfen sollten, statt dem Lehrer zuzuhören, oder ob man Augen und Auffassungsgabe der nachwachsenen Generation schon mit drei Jahren oder besser erst mit 15 mit digitalen Zwitschermaschinen ruinieren sollte. Und ob 4 Zoll mit angeschlossenen Facebook, Twitter und Wikipedia als geistiger Horizont ausreichten, wenn man ab und an auch mal ins Kino gehe; ersatzweise am Samsung 47-Zöller daheim bei einer ARD-Talkshow abdämmert.

Die Runde selber war bemüht auf dem Gorilllaglas des ARD-Talk-Touchscreens keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen. Auch jenseits der Plasbergschen Displayschutzfolie eher Solitär in 16 Farben als Angry Birds. Warum auch Auseinandersetzung? Schließlich hat jeder sein eigenes iPhone mit der ganz einfachen Benutzeroberfläche und dem vorangekreuztem Dauer-LIKE dabei. Mit dem einen übergroßen selbst mit Kochhandschuh bedienbaren Harwarebutton der Ego-App, die fortwährend plärrt:

ICH ICH ICH.

Unsere öffentlich rechtlichen Talksshows scramblen das Egogezwitscher dann mittels ihrer teilanalogen Moderatoren und Sendeanlagen zum neudigitalen Verständnis von Einigkeit und Recht und Freiheit zusammen:

Einigkeit im Gedanken: Jeder LIKED sich selbst am Besten.
Recht als Recht auf Langeweile und
Freiheit als Freiheit in Talkshows zu twittern.

Angestellter sourced sich selbst aus

Sehr schöne Geschichte über einen angestellten Softwareentwickler, der seine Aufgaben für ein Sechstel seines Gehalts durch von ihm unterangestellte Chinesen erledigen lässt.

http://www.krone.at/Digital/Fauler_Mitarbeiter_bezahlte_Chinesen_fuers_Hackln-Surfte_lieber_im_Netz-Story-347927

http://www.bbc.co.uk/news/technology-21043693

Da nimmt mal einer das Gerede von ICH-AG, angestellter Unternehmer etc. beim Wort,
verwirklicht zugleich Dietmar Daths Forderung “sehr viel mehr Menschen in das einzubeziehen, was hergestellt wird” und dann soll es auch wieder verkehrt sein.

Dabei weiß man doch:

Im Zeitalter der Mobilisierung der letzten Rendite-Reserven mit der Philippe Starckschen Zitronenpresse meint “Angestellte als Unternehmer” :

Zeiteinsatz, Begeisterung und Verzicht auf bezahlte Überstunden und Krankheitstage wie ein Unternehmer, OHNE sich an der Abschöpfung des Mehrwertes zu vergreifen.

Frank Schirrmacher – Phrasen Shuffle im Half-Check-Modus

Ein großes Problem der FAZ ist, dass sie Herrausgeber und “Halb-Checker” Frank “Singletasking” Schirrmacher immer wieder kostenlos ganzseitige Werbeflächen für die Promotion seiner Einthesenbücher einräumen muss. Im Zeit-Magazin waren die letztgültigen Weltdeutungen des Helmut Schmidt gewissermaßen als letzte Zigarette ganz hinten im Heft zu finden. In der FAZ am Sonntag muss, wann immer die Buchabsätze des Herausgebers stocken, gleich die erste Seite des Feuilletons leergeräumt werden. Auch wenn – im Unterschied zu Aldi – nach dem Leerräumen nicht allzu viel wieder reingeräumt wird.

An diesem Sonntag hängt sich Schirrmacher, der iPod Shuffle unter den deutschen Medienphilosophen, aufmerksamkeitsökonomisch clever an die Präsentation des iPads. Und wie immer, wenn im technologiefeindlichen deutschen Feuilleton die Gedankenentwicklungswerkzeuge unzuläglich sind, greift man zum bewährten, Trick: Ist der Bohrer nicht besonders dick, dann lass ihn besonders lang erscheinen. So auch bei Schirrmacher, in dem das “irgendwo”-Unbehagen an dem ganzen Computerkram hinter pompösen Wortfassaden gärt, die nach außen simulieren, dass hier im Unterschied zu den verrückten Computernerds einem Stardenker ein ganz tiefer, philosophischer Zugang zu den Dingen gegeben ist. In Wirklichkeit drückt Schirrmacher gleichzeitig auf ganz viele dicke gelbe Tasten seines Wortlerncomputers (z.B. “endemisch”), bis auf dem Bildschirm reihenweise Fehlermeldungen erschienen.

Und so sehen sie auf der Kommandozeile aus, die Fehlermeldungen des auf Hochtouren im “verbosen” Halfcheck-Modus laufenden Frank-Schirrmacher-Phrasen-Shuffles (kurz fsps):

Eingabe: fsps -verbose -check=0.5 “Computer”
Fehlermeldung: “Computer sind die Matrix fast jeder privaten und staatlichen Kommunikation der Gegenwart.”

Oder mit eingeschaltetem Marschall-McLuhan-Phrasen-Präprozessor:

Eingabe: fsps -verbose -check=0.5 -mmpp+ “Computer, Denken”
Fehlermeldung: “Computer sind einzigartige Innovationsantreiber, weil was mit ihnen geschieht, immer auch mit dem Denken geschieht.”

Oder mit Viertelcheck-Einstellung:

Eingabe: fsps -verbose -check=0.25 -mmpp+ “iPhone, Aufmerksamkeitsökonomie”
Fehlermeldung: “Aber es könnte sein, dass das Plebiszit des Marktes – wie schon beim iPhone – der neuen Aufmerksamkeitsökonomie und der inhärenten Ideologie des Geräts zum Triumph verhilft.”

Erfahrene Developer wissen, wie man diese Fehlermeldungen, die einen Großteil des FAZ-Artikels ausmachen, dahin lenkt, wo sie hingehören: ins Nulldevice. Um so schneller kann man sich dann ein Bild davon machen, was als lauffähiger Code überbleibt. In diesem Fall nicht viel.

Der Spaghetti-Code hinter dem Content Mockup
Der Zusammenhang von Technologie, Ökonomie und Gesellschaft ist nicht einfach, daher sollte ein guter Gedanken-Entwickler gerade dann, wenn er nur einen untertakteten Single-Thread-Prozessor zur Verfügung hat, bei vertrackten IF-THEN-Konstrukten dem vorzeitigen Gebrauch von abkürzenden GOTO Anweisungen widerstehen. Leider wimmelt es davon im Spaghetticode des Frank Schirrmacher. So entstehen zeilenweise Gedanken-Kurzschlüsse wie:

– Computer basieren auf Befehlen und wurden im militärischen Kontext erfunden, DAHER fördern sie totalitäres Denken.
– Weil das iPad kein Multitasking kann, werden wir alle entmündigt.
– Weil das iPad keine Tastatur hat, wird es keine Blogs mehr geben.

Alles in allem erinnert Frank Schirmachers Beitrag stark an sogenannte Software Mock-Ups. Ein Mock-Up ist eine zu Präsentationszwecken entwickelte, weitgehend vollständige Benutzeroberfläche eines Computerprogramms oder einer Website -ohne dahinter befindliche Funktionen. Klickt man bei einem Mockup auf ein Bedienelement, passiert entweder gar nichts, es erscheint eine Fehlermeldung oder es gibt gar einen Programmabsturz.
Die Ausbildungsredaktion der FAZ sollte ihre angehenden Content-Compiler ruhig ermutigen, öfter einmal auf die Oberflächenelemente des Herausgebers zu klicken, um festzustellen, was dann passiert.
Klick-Vorschläge:
“Der iPad könnte eine Verwaltungsreform der digitalen Welt mit erheblichen Konsequenzen signalisieren.”
“Kontrollverlust des Einzelnen durch den digitalen ‘Overmind'”
“Das Werkzeug verändert das Denken.”

Weitere Anzeichen dafür, dass ein Mock-Up und kein genuiner geistiger Beitrag vorliegen könnte:

– Gebrauch von “irgendwo”
– Abgeschmackte Seitenhiebe auf Microsoft
– Monumentalthesen, die mit “es könnte sein” eingeleitet werden
– Das Erwähnen anderer Halbdenker, die auch gerade ein Nullthesen-Buch zum gleichen Thema herausgebracht haben, z.B. Jaron Lanier
– Das Zitieren ganz vieler “legendärer” oder “vielgelesener” Blogs und “brillanter Informatiker”, weil die eigenen Gedanken trotz umständlicher Substantivierung dann doch nicht für eine ganze Zeitungsseite ausreichen.

If you cant’ join them, beat them
Bei Frank Schirrmacher kommt aber noch eine weitere Mock-Up-Motivation hinzu: Die Verwendung von Artikelsimulationen für peinliche Retourkutschen. In diesem Fall an den Stern-Journalisten Dirk Liedtke, den er ausführlich inhaltsloser Interviews bezichtigt. Liedtke hatte Frank Schirrmacher in einer Nachbetrachtung zur DLD-Konferenz in München im Januar als “Halb-Checker” bezeichnet. Was ja noch geschmeichelt ist, da Frank Schirrmacher in seinem letzten Buch “Payback” gerade das Nicht-Checken zum Geschäftsprinzip erhoben hat. Seit Jahren quälen uns die Verlierer der Digitalisierung mit ihren Büchern, indem sie clever ein diffuses Unbehagen an der digitalen Kultur aufgreifen und in 17,95-Euro-Bücher umtexten, für die jede Menge unschuldige Bäume ihr Leben lassen müssen. Die wahre Verheißung der digitalen Welt ist doch nicht, dass wir bald jede beliebige Information kostenlos (free as in beer) konsumieren können, sondern, dass wir ganz schnell, ganz viel überflüssige Informationen absolut rückstandsfrei (free as in CO2-free) eliminieren können, ohne dass wir Bücher verbrennen müssen.

No Future for Business Punk – Das leise Scheißegal der Businessmännchen


Business Punk

“Es besteht kein Zweifel, dass sich heute Industrie und Handel in einer besonders schwierigen Situation befinden. Aus ihr herauszuhelfen, ist auch die Absicht dieser Arbeit; obwohl sie weniger auf die Nöte der Unternehmer als auf die der Angestellten eingeht.” Dies schrieb 1929 Siegfried Krakauer in der Einleitung zu “Die Angestellten”. Die Nöte der Angestellten sind 80 Jahre später nicht weniger geworden, die Remedien, die auf diese Nöte eingehen, allerdings infantiler, eskapistischer, durchdesigneter. So liefert G+J dieser Tage mit Business Punk eine schöne psychologische Studie über die zerstörte Innenwelt des heutigen Businessmännchens ab. Und die sieht so aus.

Das leise Scheißegal

Der Grundgedanke von Business Punk wird im “Dossier Andersmachen” (S. 24ff.) erklärt: Punks machen für Geld den Affen für Touristen. Das ist die ganze Idee. In der Realität der Business Punk-Zielgruppe heißt das: Angestellte machen den Affen für den Arbeitgeber. Und weil dieses so schwer erträglich ist, hat sich seit den frühen Tagen der Angestelltenkultur eine ganze Traumwelt-Industrie um die Nöte der Angestellten herum etabliert. Neben dem endlosen Strom von Pflegeprodukten für die von den zentral gesteuerten Klimaanlagen ausgedorrte Bürohaut gehören dazu auch “geistige Inhalte…, die wie Medikamente eingeflößt werden (Krakauer)”. In Business Punk sind das, Ersatzheldengeschichten, Mythisierung von Überstunden und schwüle Sekretärinnenphantasien.

Unter hohen Design-Aufwand darf man in Business Punk teilhaben an der “Busenstrategie” von Richard Branson, der Frisur von Donald Trump und den Adiletten von Facebook-Gründer Zuckerberg. Und es bedarf keiner tiefenpsychologischen Textanalyse, wenn es am Ende dieser auch typografischen Tour de Force durch die Traumwelt der Businesspunks entlarvend heißt: “…es beginnt mit einer inneren Haltung. Mit dem leichten Aufbegehren, der inneren Unruhe, dem leisen Scheißegal” (S.30). Und damit das “leise Scheißegal” nicht zu laut wird, präsentiert Pleite-Opel auf der folgenden Werbeseite als Inbegriff des Punks den neuen Astra, inklusive Fahrersitz mit Gütesiegel “Aktion gesunder Rücken” (für die “innere Haltung”), und für die Triebabfuhr beim ersten Anfall von leichtem Aufbegehren findet der Business Punk auf Seite 141 das Computerspiel “Saboteur”.

Abwesende Väter – Männer-Stickarbeiten als Spätfolgen
Die Geschicke unseres Landes wurden Jahrzehntelang von “Big Daddy” Helmuth Kohl, danach von einer Generation von Serienscheidungsvätern (Fischer/Schröder) bestimmt, seit der Bundestagswahl regiert das prototypische Gespann “alleinerziehende Übermutter und schwuler Sohn”, versinnbildlicht im Duo Merkel/Westerwelle (variiert im Doppel von der Leyen/Rösler). Angesichts dieser fortschreitenden Anzeichen ihrer nahenden Abwrackung schleppen sich unsere Männer jeden Morgen als schwanzlose Laptoplurche in von der kreativen Zerstörung ausgebombte Zeitungs- uns Zeitschriftenverlage, wo sie zusammen mit anderen kreativen Blattmachern “lustige Wappen” (S.62ff) sticken, die sie sich mangels Anerkennung als textile Orden auf ihre Louis-Vuitton-Aktentaschen (1720 Euro) pappen. Stickarbeiten als letzte Buße vor dem Abstieg in die Hartz IV Hölle? Auch das ist Business Punk.

Nachtwanderung mit Spesenkonto
Am lächerlichsten sind die “Heldengeschichten (S.55)” von Horst von Buttlar und Nikolaus Röttger, die in einer 24h-Reportage das Geheimnis von 24h-Arbeitern ergründen wollen. Atemlos infantil wie 7-Jährige, die von ihrer ersten Nachtwanderung erzählen, heißt es auf Seite 55: “Wir haben es geschafft! Allein dieser Satz lässt die Finger auf der Laptoptastatur erbeben.” Obwohl dafür auch drei Tässchen Schümli-Kaffee aus der Kantine gereicht hätten, werfen sich diese beiden Insassen der schönen alten Printwelt auf ihren ergonomischen Drehstühlen noch einmal so richtig in Pose, bevor sie mit der Reisekostenabrechnung beginnen und danach beim Stammessen 2 das vorgezogene Wochenende einläuten.

Schimären und Printsimulationen

Meine Unternehmerfreunde und selbständigen Kollegen haben wie ich auch nicht nur in der Wirtschaftskrise desöfteren 24h und mehr durchgearbeitet (übrigens auch schon einmal für G+J, als es dort zu Zeiten der New Economy noch echte Businesspunks gab), allerdings nicht um in einer Printsimulation anderen festangestellten Bürohengsten das “Victory-Zeichen” entgegen zu schleudern, und dann auszurechen, wie viel bezahlte Überstunden das jetzt macht, sondern um Dinge, auf die wirklich jemand wartete, fertig zu kriegen. Dabei hatten wir allerdings weder Louis Vuitton Laptoptaschen noch Nivea for Men dabei und deshalb werden wir es auch nie zu Business Punks bringen. Irgendwie tröstlich. Allerdings erhärtet sich der Verdacht, dass der Business Punk in Deutschland ohnehin eine Schimäre ist, denn in der Liste “20 berühmte Business Punks” (S. 30f) finden sich lediglich zwei Deutsche und einer davon ist Chef beim RWE (!).

Fazit: No Future
Was uns brandeins in der typischen Sendung-mit-der-Maus-Diktion für Intellektuelle immer wieder einhämmert: Trotz Zwangsmitgliedschaften in der Berufs- und Verwaltungsgenossenschaft und der Handelskammer gelingt es einigen Unternehmern auch in einig Jammerland ein paar Dinge auf die Reihe zu bringen; bei Business Punk mutieren diese zu Adiletten tragenden Fruchtzwergen im Dienste konsumistischer Ersatzhandlungen. Entgegen den Beteuerungen der Redaktion steht das Punk in Business Punk nicht für eine innere Haltung, sondern dafür mit ausgelutschten Klischees noch den ein oder anderen Design-Business-Suit mehr zu verkaufen (und gleicht darin der zur langweiligen Masche degenerierten Ästhetik abgewrackter Rentnerpunks wie Vivienne Westwood). Wenn Business Punk etwas von Punk hat, dann vom Spätpunk der Band Sigue Sigue Sputnik, die 1986 die Pausen zwischen den einzelnen Songspuren ihres Albums “Flaunt it” als Werbeblöcke u.a. für Studio Line von L’Oreal versteigerten.

Quellen:
– Business Punk. Hamburg 2009.
– Sigfried Krakauer: Die Angestellten. Frankfurter Zeitung. 1929
– Wikipedia.de
– Wikipedia.de

So kommen wir durch die Werbekrise

Wir wissen nicht, wie viel Hyundai sich diese Explosion an interaktiver Kreativität bzw. kreativer Interaktivität hat kosten lassen. Die Anzeige oben erschien im UniSpiegel (spiegel.de) fast schon schamhaft versteckt in der rechten Spalte ganz unten. So erreicht man Zielgruppen wie mich, die nicht nach der Bilderstrecke (Ukrainische Studentinnen in Bikinis protestieren gegen Prostitution) in der Mitte aussteigen. Die Machart des interaktiven Flash-(!)Banners verheißt nichts Gutes über das Bild, das unsere Studenten bei dem erfolgreichen südkoreanischen Industriegiganten abgeben. Allein die Frage “Findest du deine Uni schön?” Ein Ursatz der interaktiven Werbesemantik, den sich jede kreative InteractionCrossmediaSocialWeb2.0-Agentur jetzt schon ins GoogleDoc-Poesiealbum des 21.Jahrhundert schreiben sollte, weil diese Frage, leicht abgewandelt, für breitbandigste Bestrahlung ja tiefenintensivste Penetration breitest fokussierter Zielnischen eingesetzt werden kann. Z.B. “Findest du deine Uni noch?” (Absolut Vodka), “Findest du dein Konto noch?” (Lehman Bros.), “Findest du dicke Melonen gut?” (Monsanto), “Findest du deine Muschi noch?” (Gilette).

Auch die Machart der grafischen Gestaltung (lässig schiefes Einkopieren des winzigen Produktbildes, verschmierte Komprimierung) deutet an, dass die Werber bei dem schönen deutschen Wort Augenmaß mittlerweile weniger den Oldschool-Blick für saubere Umsetzung erwarten als eher ein 5-Pixel-gerade-sein-Lassen alkopopverquollener Feierstudies.

Und dann, besonderes Zugeständnis an die Konsenzkultur unseres Landes und den neuen Trend im Internet meinungstark auf die Komplexität unserer Gesellschaft zu reagieren und dabei auch unter Wahrung des verschärften Datenschutzes an einer tollen Verlosung teilzunehmen, dann also ein Feuerwerk der Interaktivität, für das man den Flashplayer 10.0 nicht nur in seinem Browser, sondern auch in seinem Hirn installieren sollte: Die Auswahlmöglichkeiten “Ja” “Nein” und “k.A”. “k.A” wie “keine Angaben”, “keine Ahnung” oder “kannste Anklicken”? Wahrscheinlich alles zusammen.

Keyword-Porn bei welt.de

Betriebsunfall oder Erfolgsgeheimnis? Ausgerechnet in die Debatte über das Verhältnis von Zeitung und Internet, geführt auf www.welt.de, mischt sich die fünfte Gewalt in Gestalt des GoogleBots ein und schafft mal wieder groteske Fakten. Ob da welt.de Vize Romanus Otte mit “What would Google Do” unter dem Kopfkissen geschlafen hat oder einfach eine knackige Headline formulieren wollte, dem Adsense Roboter ist das egal. Wenn er die Headline “Offene Dreierbeziehung” liest, und im Artikel auch noch die Rede von der Liebe ist (wenn auch nur fetischhaft zur Zeitung), weiß er, was zu tun ist. Gelenkt durch künstliche, sprich kommerzielle Intelligenz mischt er schnell noch ein paar holprige Ads zur Partnersuche unter. Im Sprachamalgam aus zeilensparenden Verwertungszwängen und klickheischendem Rütlideutsch liest sich das dann wie die Betriebsanleitung für einen schwulen Terminator: “Mann verliebt machen. A-Z”.

Das ist nicht neu. Es soll ja schon bei Nachrichten über Messerstechereien für Kampfmesser geworben worden sein. Wenn man allderdings den äußerst intelligenten Kommentar im so genannten Content-Ad (also mitten im Text) liest, wo von fachgerechter Grundwasserabsenkung die Rede ist, könnte man schon eine höhere Intelligenz vermuten, die uns schmunzeln macht. Betrachtet man das Panoptikum aus Kader Loth, Bilderstrecken mit Fake-Lebensmitteln und Nackten am Strand, das um Ottes Artikel herumgarniert ist, und mit dem der engagierte Onlinejournalismus heutzutage seine Klickzahlen aufbessert, kann man durchaus begeistert sein von dem überaus schönen und treffenden Bild einer geistigen Grundwasserabsenkung.

Aber damit noch nicht genug. In den Genstrang, mit deren Hilfe die gute alte Tageszeitung zur turbogeilen Klicksau mutiert, pflanzen die ivw-Farmer von welt.de noch ein paar Wachstumsgene aus dem Jurrasic Park von freenet und AOL ein. Dort hatte man schon 2001, völlig unbelastet durch sogenannten Qualitätsjournalismus, festgestellt, dass durch die Vorbelegung von Suchfeldern mit Suchbegriffen ein durch Reizbombardement und im Kreis verlinkte Bilderstrecken rückenmarksgeschwächter User vom Leser zum absolut willenlosen Klickgaranten umgepolt werden kann.


Online-Erfolgsgeheimnis: Offene Dreierbeziehung aus Premiummarke, Klowänden des Internets und Pornobox

Wir erinnern uns (trotz ADHS und Twitteritis), die Headline des welt.de-Artikels, um den es hier geht, war “Offene Dreibeziehung”. Der Verwertungslogik der welt.de folgend wird passender Weise das Wort “porno” in die Suchbox im Header eingesetzt. Klar, während der schwule Terminator noch im 30S.-Gratis-Report “Mann verliebt machen. A-Z” nachliest, wie er diesen süßen CIA-Mann gefügig macht, soll sein Pendant aus Fleisch und Blut noch auf ein paar schmutzige Klicks bei der Stange bleiben. Da wir uns nicht vorstellen können, dass hier feinsinnige Germanisten wie Mathias Döpfner bei der verbalen Verdrahtung der Pornobox Hand anlegen, müssen wir diesen Einwurf wohl als weiteren googlebottigen Kommentar aus der Welt der Inferenzmaschinen deuten, der Online-Journalisten ermahnen will, sich bei aller Krisenhaftigkeit der Situation nicht noch weiter zu prostituieren. Vielleicht werden ja eines Tages, wenn die künstliche Intelligenz die menschliche überholt hat (und das bestimmt nicht, weil die Computer immer schlauer werden), vielleicht wird dann das Contentverwurstungssystem bei Welt und Co. eines Morgens ausgeben: “I’m sorry Dave, I’m afraid I can’t do that.”

Der besagte Artikel findet sich unter: Offene Dreierbeziehung