Category Archives: Glossen

Der Markencheck – wie doof halten uns Plasberg und Co.?

Die ARD Talkshow-Produktion unter Programmchef Herres (in gelbem Overall) (Quelle: wikipedia)

Gestern Abend im 1. Fernsehprogramm. “Der Markencheck – Apple”. Nach der immerhin ein Viertel der Sendezeit  umfassenden, anschaulichen Kurzreportage, unter welchen Bedingungen die Arbeitssklaven von Foxconnn unsere Luxushandies zusammenschrauben, Diskussion mit Plasberg: “Handy an, Hirn aus – wie doof machen uns Apple und Co.?”

Nicht nur der Imperativ “Hirn aus!” wurde in der Diskussionsrunde beherzigt, auch die Empathie verbrauchte keinen kostbaren Stand-By-Strom. Statt Naomi Klein, Christoph Lauer.

Denn nicht die Frage, wieviel Luxusgüter auf der Basis von Sklavenarbeit wollen wir uns eigentlich leisten, stand zur Debatte, sondern die myopischen Probleme selbstbezogener SUV- respektive Waldorf-Moms und solipsistischer Talkshow-Twitterer. Im Kern der Diskussion. Große Sorge um die verzogene Brut, die sich draum drehte, ob Kinder in der Schule SMS schreiben dürfen sollten, statt dem Lehrer zuzuhören, oder ob man Augen und Auffassungsgabe der nachwachsenen Generation schon mit drei Jahren oder besser erst mit 15 mit digitalen Zwitschermaschinen ruinieren sollte. Und ob 4 Zoll mit angeschlossenen Facebook, Twitter und Wikipedia als geistiger Horizont ausreichten, wenn man ab und an auch mal ins Kino gehe; ersatzweise am Samsung 47-Zöller daheim bei einer ARD-Talkshow abdämmert.

Die Runde selber war bemüht auf dem Gorilllaglas des ARD-Talk-Touchscreens keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen. Auch jenseits der Plasbergschen Displayschutzfolie eher Solitär in 16 Farben als Angry Birds. Warum auch Auseinandersetzung? Schließlich hat jeder sein eigenes iPhone mit der ganz einfachen Benutzeroberfläche und dem vorangekreuztem Dauer-LIKE dabei. Mit dem einen übergroßen selbst mit Kochhandschuh bedienbaren Harwarebutton der Ego-App, die fortwährend plärrt:

ICH ICH ICH.

Unsere öffentlich rechtlichen Talksshows scramblen das Egogezwitscher dann mittels ihrer teilanalogen Moderatoren und Sendeanlagen zum neudigitalen Verständnis von Einigkeit und Recht und Freiheit zusammen:

Einigkeit im Gedanken: Jeder LIKED sich selbst am Besten.
Recht als Recht auf Langeweile und
Freiheit als Freiheit in Talkshows zu twittern.

Frank Schirrmacher – Phrasen Shuffle im Half-Check-Modus

Ein großes Problem der FAZ ist, dass sie Herrausgeber und “Halb-Checker” Frank “Singletasking” Schirrmacher immer wieder kostenlos ganzseitige Werbeflächen für die Promotion seiner Einthesenbücher einräumen muss. Im Zeit-Magazin waren die letztgültigen Weltdeutungen des Helmut Schmidt gewissermaßen als letzte Zigarette ganz hinten im Heft zu finden. In der FAZ am Sonntag muss, wann immer die Buchabsätze des Herausgebers stocken, gleich die erste Seite des Feuilletons leergeräumt werden. Auch wenn – im Unterschied zu Aldi – nach dem Leerräumen nicht allzu viel wieder reingeräumt wird.

An diesem Sonntag hängt sich Schirrmacher, der iPod Shuffle unter den deutschen Medienphilosophen, aufmerksamkeitsökonomisch clever an die Präsentation des iPads. Und wie immer, wenn im technologiefeindlichen deutschen Feuilleton die Gedankenentwicklungswerkzeuge unzuläglich sind, greift man zum bewährten, Trick: Ist der Bohrer nicht besonders dick, dann lass ihn besonders lang erscheinen. So auch bei Schirrmacher, in dem das “irgendwo”-Unbehagen an dem ganzen Computerkram hinter pompösen Wortfassaden gärt, die nach außen simulieren, dass hier im Unterschied zu den verrückten Computernerds einem Stardenker ein ganz tiefer, philosophischer Zugang zu den Dingen gegeben ist. In Wirklichkeit drückt Schirrmacher gleichzeitig auf ganz viele dicke gelbe Tasten seines Wortlerncomputers (z.B. “endemisch”), bis auf dem Bildschirm reihenweise Fehlermeldungen erschienen.

Und so sehen sie auf der Kommandozeile aus, die Fehlermeldungen des auf Hochtouren im “verbosen” Halfcheck-Modus laufenden Frank-Schirrmacher-Phrasen-Shuffles (kurz fsps):

Eingabe: fsps -verbose -check=0.5 “Computer”
Fehlermeldung: “Computer sind die Matrix fast jeder privaten und staatlichen Kommunikation der Gegenwart.”

Oder mit eingeschaltetem Marschall-McLuhan-Phrasen-Präprozessor:

Eingabe: fsps -verbose -check=0.5 -mmpp+ “Computer, Denken”
Fehlermeldung: “Computer sind einzigartige Innovationsantreiber, weil was mit ihnen geschieht, immer auch mit dem Denken geschieht.”

Oder mit Viertelcheck-Einstellung:

Eingabe: fsps -verbose -check=0.25 -mmpp+ “iPhone, Aufmerksamkeitsökonomie”
Fehlermeldung: “Aber es könnte sein, dass das Plebiszit des Marktes – wie schon beim iPhone – der neuen Aufmerksamkeitsökonomie und der inhärenten Ideologie des Geräts zum Triumph verhilft.”

Erfahrene Developer wissen, wie man diese Fehlermeldungen, die einen Großteil des FAZ-Artikels ausmachen, dahin lenkt, wo sie hingehören: ins Nulldevice. Um so schneller kann man sich dann ein Bild davon machen, was als lauffähiger Code überbleibt. In diesem Fall nicht viel.

Der Spaghetti-Code hinter dem Content Mockup
Der Zusammenhang von Technologie, Ökonomie und Gesellschaft ist nicht einfach, daher sollte ein guter Gedanken-Entwickler gerade dann, wenn er nur einen untertakteten Single-Thread-Prozessor zur Verfügung hat, bei vertrackten IF-THEN-Konstrukten dem vorzeitigen Gebrauch von abkürzenden GOTO Anweisungen widerstehen. Leider wimmelt es davon im Spaghetticode des Frank Schirrmacher. So entstehen zeilenweise Gedanken-Kurzschlüsse wie:

– Computer basieren auf Befehlen und wurden im militärischen Kontext erfunden, DAHER fördern sie totalitäres Denken.
– Weil das iPad kein Multitasking kann, werden wir alle entmündigt.
– Weil das iPad keine Tastatur hat, wird es keine Blogs mehr geben.

Alles in allem erinnert Frank Schirmachers Beitrag stark an sogenannte Software Mock-Ups. Ein Mock-Up ist eine zu Präsentationszwecken entwickelte, weitgehend vollständige Benutzeroberfläche eines Computerprogramms oder einer Website -ohne dahinter befindliche Funktionen. Klickt man bei einem Mockup auf ein Bedienelement, passiert entweder gar nichts, es erscheint eine Fehlermeldung oder es gibt gar einen Programmabsturz.
Die Ausbildungsredaktion der FAZ sollte ihre angehenden Content-Compiler ruhig ermutigen, öfter einmal auf die Oberflächenelemente des Herausgebers zu klicken, um festzustellen, was dann passiert.
Klick-Vorschläge:
“Der iPad könnte eine Verwaltungsreform der digitalen Welt mit erheblichen Konsequenzen signalisieren.”
“Kontrollverlust des Einzelnen durch den digitalen ‘Overmind'”
“Das Werkzeug verändert das Denken.”

Weitere Anzeichen dafür, dass ein Mock-Up und kein genuiner geistiger Beitrag vorliegen könnte:

– Gebrauch von “irgendwo”
– Abgeschmackte Seitenhiebe auf Microsoft
– Monumentalthesen, die mit “es könnte sein” eingeleitet werden
– Das Erwähnen anderer Halbdenker, die auch gerade ein Nullthesen-Buch zum gleichen Thema herausgebracht haben, z.B. Jaron Lanier
– Das Zitieren ganz vieler “legendärer” oder “vielgelesener” Blogs und “brillanter Informatiker”, weil die eigenen Gedanken trotz umständlicher Substantivierung dann doch nicht für eine ganze Zeitungsseite ausreichen.

If you cant’ join them, beat them
Bei Frank Schirrmacher kommt aber noch eine weitere Mock-Up-Motivation hinzu: Die Verwendung von Artikelsimulationen für peinliche Retourkutschen. In diesem Fall an den Stern-Journalisten Dirk Liedtke, den er ausführlich inhaltsloser Interviews bezichtigt. Liedtke hatte Frank Schirrmacher in einer Nachbetrachtung zur DLD-Konferenz in München im Januar als “Halb-Checker” bezeichnet. Was ja noch geschmeichelt ist, da Frank Schirrmacher in seinem letzten Buch “Payback” gerade das Nicht-Checken zum Geschäftsprinzip erhoben hat. Seit Jahren quälen uns die Verlierer der Digitalisierung mit ihren Büchern, indem sie clever ein diffuses Unbehagen an der digitalen Kultur aufgreifen und in 17,95-Euro-Bücher umtexten, für die jede Menge unschuldige Bäume ihr Leben lassen müssen. Die wahre Verheißung der digitalen Welt ist doch nicht, dass wir bald jede beliebige Information kostenlos (free as in beer) konsumieren können, sondern, dass wir ganz schnell, ganz viel überflüssige Informationen absolut rückstandsfrei (free as in CO2-free) eliminieren können, ohne dass wir Bücher verbrennen müssen.

No Future for Business Punk – Das leise Scheißegal der Businessmännchen


Business Punk

“Es besteht kein Zweifel, dass sich heute Industrie und Handel in einer besonders schwierigen Situation befinden. Aus ihr herauszuhelfen, ist auch die Absicht dieser Arbeit; obwohl sie weniger auf die Nöte der Unternehmer als auf die der Angestellten eingeht.” Dies schrieb 1929 Siegfried Krakauer in der Einleitung zu “Die Angestellten”. Die Nöte der Angestellten sind 80 Jahre später nicht weniger geworden, die Remedien, die auf diese Nöte eingehen, allerdings infantiler, eskapistischer, durchdesigneter. So liefert G+J dieser Tage mit Business Punk eine schöne psychologische Studie über die zerstörte Innenwelt des heutigen Businessmännchens ab. Und die sieht so aus.

Das leise Scheißegal

Der Grundgedanke von Business Punk wird im “Dossier Andersmachen” (S. 24ff.) erklärt: Punks machen für Geld den Affen für Touristen. Das ist die ganze Idee. In der Realität der Business Punk-Zielgruppe heißt das: Angestellte machen den Affen für den Arbeitgeber. Und weil dieses so schwer erträglich ist, hat sich seit den frühen Tagen der Angestelltenkultur eine ganze Traumwelt-Industrie um die Nöte der Angestellten herum etabliert. Neben dem endlosen Strom von Pflegeprodukten für die von den zentral gesteuerten Klimaanlagen ausgedorrte Bürohaut gehören dazu auch “geistige Inhalte…, die wie Medikamente eingeflößt werden (Krakauer)”. In Business Punk sind das, Ersatzheldengeschichten, Mythisierung von Überstunden und schwüle Sekretärinnenphantasien.

Unter hohen Design-Aufwand darf man in Business Punk teilhaben an der “Busenstrategie” von Richard Branson, der Frisur von Donald Trump und den Adiletten von Facebook-Gründer Zuckerberg. Und es bedarf keiner tiefenpsychologischen Textanalyse, wenn es am Ende dieser auch typografischen Tour de Force durch die Traumwelt der Businesspunks entlarvend heißt: “…es beginnt mit einer inneren Haltung. Mit dem leichten Aufbegehren, der inneren Unruhe, dem leisen Scheißegal” (S.30). Und damit das “leise Scheißegal” nicht zu laut wird, präsentiert Pleite-Opel auf der folgenden Werbeseite als Inbegriff des Punks den neuen Astra, inklusive Fahrersitz mit Gütesiegel “Aktion gesunder Rücken” (für die “innere Haltung”), und für die Triebabfuhr beim ersten Anfall von leichtem Aufbegehren findet der Business Punk auf Seite 141 das Computerspiel “Saboteur”.

Abwesende Väter – Männer-Stickarbeiten als Spätfolgen
Die Geschicke unseres Landes wurden Jahrzehntelang von “Big Daddy” Helmuth Kohl, danach von einer Generation von Serienscheidungsvätern (Fischer/Schröder) bestimmt, seit der Bundestagswahl regiert das prototypische Gespann “alleinerziehende Übermutter und schwuler Sohn”, versinnbildlicht im Duo Merkel/Westerwelle (variiert im Doppel von der Leyen/Rösler). Angesichts dieser fortschreitenden Anzeichen ihrer nahenden Abwrackung schleppen sich unsere Männer jeden Morgen als schwanzlose Laptoplurche in von der kreativen Zerstörung ausgebombte Zeitungs- uns Zeitschriftenverlage, wo sie zusammen mit anderen kreativen Blattmachern “lustige Wappen” (S.62ff) sticken, die sie sich mangels Anerkennung als textile Orden auf ihre Louis-Vuitton-Aktentaschen (1720 Euro) pappen. Stickarbeiten als letzte Buße vor dem Abstieg in die Hartz IV Hölle? Auch das ist Business Punk.

Nachtwanderung mit Spesenkonto
Am lächerlichsten sind die “Heldengeschichten (S.55)” von Horst von Buttlar und Nikolaus Röttger, die in einer 24h-Reportage das Geheimnis von 24h-Arbeitern ergründen wollen. Atemlos infantil wie 7-Jährige, die von ihrer ersten Nachtwanderung erzählen, heißt es auf Seite 55: “Wir haben es geschafft! Allein dieser Satz lässt die Finger auf der Laptoptastatur erbeben.” Obwohl dafür auch drei Tässchen Schümli-Kaffee aus der Kantine gereicht hätten, werfen sich diese beiden Insassen der schönen alten Printwelt auf ihren ergonomischen Drehstühlen noch einmal so richtig in Pose, bevor sie mit der Reisekostenabrechnung beginnen und danach beim Stammessen 2 das vorgezogene Wochenende einläuten.

Schimären und Printsimulationen

Meine Unternehmerfreunde und selbständigen Kollegen haben wie ich auch nicht nur in der Wirtschaftskrise desöfteren 24h und mehr durchgearbeitet (übrigens auch schon einmal für G+J, als es dort zu Zeiten der New Economy noch echte Businesspunks gab), allerdings nicht um in einer Printsimulation anderen festangestellten Bürohengsten das “Victory-Zeichen” entgegen zu schleudern, und dann auszurechen, wie viel bezahlte Überstunden das jetzt macht, sondern um Dinge, auf die wirklich jemand wartete, fertig zu kriegen. Dabei hatten wir allerdings weder Louis Vuitton Laptoptaschen noch Nivea for Men dabei und deshalb werden wir es auch nie zu Business Punks bringen. Irgendwie tröstlich. Allerdings erhärtet sich der Verdacht, dass der Business Punk in Deutschland ohnehin eine Schimäre ist, denn in der Liste “20 berühmte Business Punks” (S. 30f) finden sich lediglich zwei Deutsche und einer davon ist Chef beim RWE (!).

Fazit: No Future
Was uns brandeins in der typischen Sendung-mit-der-Maus-Diktion für Intellektuelle immer wieder einhämmert: Trotz Zwangsmitgliedschaften in der Berufs- und Verwaltungsgenossenschaft und der Handelskammer gelingt es einigen Unternehmern auch in einig Jammerland ein paar Dinge auf die Reihe zu bringen; bei Business Punk mutieren diese zu Adiletten tragenden Fruchtzwergen im Dienste konsumistischer Ersatzhandlungen. Entgegen den Beteuerungen der Redaktion steht das Punk in Business Punk nicht für eine innere Haltung, sondern dafür mit ausgelutschten Klischees noch den ein oder anderen Design-Business-Suit mehr zu verkaufen (und gleicht darin der zur langweiligen Masche degenerierten Ästhetik abgewrackter Rentnerpunks wie Vivienne Westwood). Wenn Business Punk etwas von Punk hat, dann vom Spätpunk der Band Sigue Sigue Sputnik, die 1986 die Pausen zwischen den einzelnen Songspuren ihres Albums “Flaunt it” als Werbeblöcke u.a. für Studio Line von L’Oreal versteigerten.

Quellen:
– Business Punk. Hamburg 2009.
– Sigfried Krakauer: Die Angestellten. Frankfurter Zeitung. 1929
– Wikipedia.de
– Wikipedia.de

So kommen wir durch die Werbekrise

Wir wissen nicht, wie viel Hyundai sich diese Explosion an interaktiver Kreativität bzw. kreativer Interaktivität hat kosten lassen. Die Anzeige oben erschien im UniSpiegel (spiegel.de) fast schon schamhaft versteckt in der rechten Spalte ganz unten. So erreicht man Zielgruppen wie mich, die nicht nach der Bilderstrecke (Ukrainische Studentinnen in Bikinis protestieren gegen Prostitution) in der Mitte aussteigen. Die Machart des interaktiven Flash-(!)Banners verheißt nichts Gutes über das Bild, das unsere Studenten bei dem erfolgreichen südkoreanischen Industriegiganten abgeben. Allein die Frage “Findest du deine Uni schön?” Ein Ursatz der interaktiven Werbesemantik, den sich jede kreative InteractionCrossmediaSocialWeb2.0-Agentur jetzt schon ins GoogleDoc-Poesiealbum des 21.Jahrhundert schreiben sollte, weil diese Frage, leicht abgewandelt, für breitbandigste Bestrahlung ja tiefenintensivste Penetration breitest fokussierter Zielnischen eingesetzt werden kann. Z.B. “Findest du deine Uni noch?” (Absolut Vodka), “Findest du dein Konto noch?” (Lehman Bros.), “Findest du dicke Melonen gut?” (Monsanto), “Findest du deine Muschi noch?” (Gilette).

Auch die Machart der grafischen Gestaltung (lässig schiefes Einkopieren des winzigen Produktbildes, verschmierte Komprimierung) deutet an, dass die Werber bei dem schönen deutschen Wort Augenmaß mittlerweile weniger den Oldschool-Blick für saubere Umsetzung erwarten als eher ein 5-Pixel-gerade-sein-Lassen alkopopverquollener Feierstudies.

Und dann, besonderes Zugeständnis an die Konsenzkultur unseres Landes und den neuen Trend im Internet meinungstark auf die Komplexität unserer Gesellschaft zu reagieren und dabei auch unter Wahrung des verschärften Datenschutzes an einer tollen Verlosung teilzunehmen, dann also ein Feuerwerk der Interaktivität, für das man den Flashplayer 10.0 nicht nur in seinem Browser, sondern auch in seinem Hirn installieren sollte: Die Auswahlmöglichkeiten “Ja” “Nein” und “k.A”. “k.A” wie “keine Angaben”, “keine Ahnung” oder “kannste Anklicken”? Wahrscheinlich alles zusammen.

Keyword-Porn bei welt.de

Betriebsunfall oder Erfolgsgeheimnis? Ausgerechnet in die Debatte über das Verhältnis von Zeitung und Internet, geführt auf www.welt.de, mischt sich die fünfte Gewalt in Gestalt des GoogleBots ein und schafft mal wieder groteske Fakten. Ob da welt.de Vize Romanus Otte mit “What would Google Do” unter dem Kopfkissen geschlafen hat oder einfach eine knackige Headline formulieren wollte, dem Adsense Roboter ist das egal. Wenn er die Headline “Offene Dreierbeziehung” liest, und im Artikel auch noch die Rede von der Liebe ist (wenn auch nur fetischhaft zur Zeitung), weiß er, was zu tun ist. Gelenkt durch künstliche, sprich kommerzielle Intelligenz mischt er schnell noch ein paar holprige Ads zur Partnersuche unter. Im Sprachamalgam aus zeilensparenden Verwertungszwängen und klickheischendem Rütlideutsch liest sich das dann wie die Betriebsanleitung für einen schwulen Terminator: “Mann verliebt machen. A-Z”.

Das ist nicht neu. Es soll ja schon bei Nachrichten über Messerstechereien für Kampfmesser geworben worden sein. Wenn man allderdings den äußerst intelligenten Kommentar im so genannten Content-Ad (also mitten im Text) liest, wo von fachgerechter Grundwasserabsenkung die Rede ist, könnte man schon eine höhere Intelligenz vermuten, die uns schmunzeln macht. Betrachtet man das Panoptikum aus Kader Loth, Bilderstrecken mit Fake-Lebensmitteln und Nackten am Strand, das um Ottes Artikel herumgarniert ist, und mit dem der engagierte Onlinejournalismus heutzutage seine Klickzahlen aufbessert, kann man durchaus begeistert sein von dem überaus schönen und treffenden Bild einer geistigen Grundwasserabsenkung.

Aber damit noch nicht genug. In den Genstrang, mit deren Hilfe die gute alte Tageszeitung zur turbogeilen Klicksau mutiert, pflanzen die ivw-Farmer von welt.de noch ein paar Wachstumsgene aus dem Jurrasic Park von freenet und AOL ein. Dort hatte man schon 2001, völlig unbelastet durch sogenannten Qualitätsjournalismus, festgestellt, dass durch die Vorbelegung von Suchfeldern mit Suchbegriffen ein durch Reizbombardement und im Kreis verlinkte Bilderstrecken rückenmarksgeschwächter User vom Leser zum absolut willenlosen Klickgaranten umgepolt werden kann.


Online-Erfolgsgeheimnis: Offene Dreierbeziehung aus Premiummarke, Klowänden des Internets und Pornobox

Wir erinnern uns (trotz ADHS und Twitteritis), die Headline des welt.de-Artikels, um den es hier geht, war “Offene Dreibeziehung”. Der Verwertungslogik der welt.de folgend wird passender Weise das Wort “porno” in die Suchbox im Header eingesetzt. Klar, während der schwule Terminator noch im 30S.-Gratis-Report “Mann verliebt machen. A-Z” nachliest, wie er diesen süßen CIA-Mann gefügig macht, soll sein Pendant aus Fleisch und Blut noch auf ein paar schmutzige Klicks bei der Stange bleiben. Da wir uns nicht vorstellen können, dass hier feinsinnige Germanisten wie Mathias Döpfner bei der verbalen Verdrahtung der Pornobox Hand anlegen, müssen wir diesen Einwurf wohl als weiteren googlebottigen Kommentar aus der Welt der Inferenzmaschinen deuten, der Online-Journalisten ermahnen will, sich bei aller Krisenhaftigkeit der Situation nicht noch weiter zu prostituieren. Vielleicht werden ja eines Tages, wenn die künstliche Intelligenz die menschliche überholt hat (und das bestimmt nicht, weil die Computer immer schlauer werden), vielleicht wird dann das Contentverwurstungssystem bei Welt und Co. eines Morgens ausgeben: “I’m sorry Dave, I’m afraid I can’t do that.”

Der besagte Artikel findet sich unter: Offene Dreierbeziehung

Angriff der Gnomfrauen – Die langen Jahre sind vorbei

Zu all den Problemen, die uns die momentane Krise beschert – Zeitungssterben, das Ende des Qualitätsjournalismus und die Googlesierung des menschlichen Hirns bei Onlineredakteuren jetzt auch das noch: Unsere Frauen schrumpfen.

Erst komplexe Multimedia-Flash-Präsentationen (wie hier bei stern.de) decken erschreckende im Zahlendickicht verborgene Wahrheiten auf
Unsere Frauen schrumpfen
Das hat das Widget-Applet-Powerpicture-Multiflashjava-2.0-Medium Stern.de jetzt in Fortsetzung des investigativen Springbreak-Journalismus von Spiegel.de herausgefunden. Bzw. das ist das brandheiße Ergebnis der Studie “SizeGermany”. Auftraggeber/Durchführende der Studie werden nicht genannt. Wozu auch, denkt man im ersten Augenblick. Um triviale Erkenntnisse zu erlangen, wie die, dass die Deutschen immer größer und immer dicker werden, genügt ein Blick aus dem Raumschiff G+J auf die Landungsbrücken oder ein Gang zur Eisdiele an der Ecke. Aber da sieht man mal, wie man sich täuschen kann, und dass objektive “Reihenvermessungen an mehr als 13.000 Männern, Frauen und Kinder(n)”, wie sie sich heute nur topinvestigative Medien leisten können, doch das ein oder andere unbemerkte, ja beängstigende Ergebnis zu Tage fördern. Wie z.B. dass unsere Nachwuchsjournalistinnen zwischen 14 und 25 Jahren kaum noch über die Kante des Redaktionstisches gucken können (siehe Schaubild). Der bei Fortsetzung dieses Trends zu befürchtende Mangel an einsatzfähigen Praktikantinnen wird wohl dazu führen, dass Fleißarbeiten und journalistische Basistugenden wie Faktenrecherche und Plausibilitätschecks auch in Zukunft eine Domäne großer, kräftiger Männer (Hallo Stefan Niggemeier) bleiben wird.
Unsere Töchter werden es bald selbst merken und sich dann gegenseitig ins virtuelle Poesiealbum twittern: “Wir sind Zwerginnen, aber wir stehen auf den Schultern von Gigantinnen.”

Newsroom der Welt-Gruppe in Berlin

Newsroom der Welt (Ausriss Der Spiegel)
100 digitale Meisterwerke
Heute: Newsroom der Welt-Gruppe in Berlin
(Foto: Ausriss – Der Spiegel/Frühjahr 2007)

Struktur
Auffälligstes Element der Bildkomposition ist die diagonal verlaufende Tischreihe, die von der linken unteren Bildecke in das Zentrum des Bildes läuft und um die die meisten Personen des Bildes wie an eine lange Werkbank herum angeordnet sind. Der Betrachter wird förmlich hineingesogen in das Bild, sein Blick wird mit zwingender Logik auf die riesigen Bildleinwand in Hintergrund gelenkt, wo die finalen Produkte kollektiver Informationsverarbeitung in Echtzeit aufscheinen sollen. Das Personal nimmt an diesem Prozess über die lange Doppelreihe von Bildschirmen teil, die im Vordergrund lediglich angeschnitten dargestellt sind, so dass eine unendliche Verlängerung vorstellbar ist. Das wiederholende Moment der Bildschirme verweist zusammen mit dem Prinzip der potenziell unendlichen Serialisierung auf die Grundbedingungen des Journalismus im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit hin: Der technische Produktionsprozess steht im Zentrum. Dementsprechend nimmt die Darstellung des Redaktionsbalkens als Datenautobahn zusammen mit dem riesigen Datenscreen im Hintergrund mehr als die Hälfte der Bildfläche ein und dominiert die zentralen Regionen des Bildes, wodurch die Figuren eher an die Peripherie gedrückt werden. Die Keilfigur unterstützt die Zielgerichtetheit des gesamten Arbeitsprozesses, und gibt die Grundgliederung des Bildes vor, in die drei Sphären der Vergangenheit (die Ebene des Betrachters) der Gegenwart (die Sphäre des Redaktionspersonals) und der Zukunft (die Riesenleinwand im Hintergrund). Unterstützt wird die maschinelle Unerbittlichkeit des auf die Zukunft gerichteten Prozesses durch die Exponiertheit der technischen Bildschirmaufhängungen, die mit ihren kalten Industriefarben (grau und metall) auf das Fließband als Vorbild tayloristischer Produktionsweisen deuten. Die suggerierte Flexibilität durch schwenkbare Bildschirme wird konterkariert durch die Einheitlichkeit der Ausrichtung und einheitliche Höhe der Bildschirmjustage. Als weiteres, fast schon nostalgisches Attribut journalistischen Arbeitens, ist jedem Bildschirm ein Telefon beigesellt. Form und Ausgestaltung der Telefone gemahnen jedoch eher an die Verwendung als “Abteilungstelefone”, als dass sie auf den Verwendungszweck des Telefons als Werkzeug echter Recherche verweisen. Überhaupt ist es nur schwer vorstellbar, dass in der dargestellten Situation von einem, geschweige denn von mehreren dieser Apparate Telefonate geführt werden.

Die Figuren
Insgesamt bevölkern 21 Figuren, z.T. verdeckt oder nur in Ausschnitten sichtbar, das Bild. Die zentrale Gliederung durch die “Datenwerkbank” in der Mitte wird ergänzt durch eine zweite Achse, die rechtwinklig zur Werkbank von der Figur des den Betrachter anschauenden Chefredakteur links zur versonnen ins Nichts blickenden Frauengestalt rechts, verläuft. Der Chefredakteur ist etwas vom Tisch abgerückt, er nimmt am Geschehen nicht als zentrale ordnende Instanz, sondern kaum noch von seinen Kollegen unterscheidbar, quasi als bystander teil. Zu groß ist der Sog der Informationsmenge, die über die Datenautobahn ins Produkt kaskadiert, als dass dem nominell Leitenden mehr als eine kommentierende Funktion zufallen könnte. Die insgesamt sieben Falten auf der Stirn des Chefredakteurs lassen zusammen mit den herabgezogenen Mundwinkeln die emotionale Auswirkung dieser Situation auf die Person erahnen. Einzig die hochgezogene Augenbraue lässt Ironie als mögliche Bewältigungsstrategie aufblitzen. Bei der dem Chefredakteur gegenüber sitzenden Frauenfigur ist die Möglichkeit der Ironisierung bereits aufgehoben, die ebenfalls herabgezogenen Mundwinkel, der leere Blick und die auf dem Schoße ruhenden Hände zeigen das Bild der Resignation. Die Figur könnte die Norne “Urd” darstellen, die auf das Gewesene zurückblickt, hier in die ferne Vergangenheit der Gutenberggalaxis einer nicht wiederkehrenden Print- und Papierkultur. Legt man die Geschichtstheorie Walter Benjamins zugrunde, so könnte diese Figur, dem Benjaminschen Engel der Geschichte gleich, eine Schlüsselfigur zum Verständnis des Bildes darstellen.

“Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.” (Walter Benjamin: Paul Klees Angelus Novus)

Im Zeitalter der unendlichen digitalen Reproduzierbarkeit der von Benjamin erwähnten Katastrophen erscheint dieser Sturm als Datensturm. Die Wahrnehmung des Sturms als Datensturm macht den Engel von einer tragischen zu einer trägen, resignierten Figur. Die beiden Figuren zur jeweils Linken des Chefredakteurs und der Nornen-/Engelsfigur blicken weder nach “vorne” auf die zentrale Großleinwand, noch zurück in die Vergangenheit bzw. auf den Betrachter. Ihr Blick ist exakt rechtwinklig zur Richtung des Datenflusses ausgerichtet. Diese Blickrichtung versinnbildlicht Desinteresse und Machtlosigkeit am Prozess zugleich. Besonders bei der Frauenfigur rechts, die in der Hand den mit einer Kappe verschlossenen Rotstift als Zeichen der Schreibverweigerung hält, wird nicht nur die Indifferenz der Vergangenheit als auch die der Zukunft gegenüber offenbar, der Blick der Frauenfigur geht über den Bildschirm hinweg nach links zum Fenster, hinter dem das Draußen einer Welt der Freizeit und Freiheit von den Zwängen der Arbeitsmatrix liegt. Die beiden Figuren jeweils zur rechten Hand der Chef- bzw. Norne-Figur sind nur scheinbar zwei getrennte Personen. Bei genauerem Hinsehen offenbart sich, dass ein und dieselbe Figur in zwei Perspektiven und Posituren ins Bild montiert wurde, die in ihren beiden Erscheinungsformen die Entwicklungen der digitalen Produktionsweise zweifach kommentieren. Die linke Instanz dieser fast kahlköpfigen Figur verweist mit einer angedeuteten Form des Nasebohrens auf eine Epoche der Einzelbüros, wo solche regressiv, lustvollen Verhaltensweisen noch möglich waren. Die hier gezeigte Form des “externen Nasebohrens” ist die maximal sozialverträgliche Ausprägung dieses Verhaltens, die das zur totalen Kontrolle in einen Raum gepferchte Kollektiv noch erlaubt. Die andere Instanz derselben Figur auf der Rechten verdeutlicht im Gegensatz zur angepassten Variante des sozialen Nasebohrens, die einzige aktive Möglichkeit, sich den Zwängen des Prozesses durch das handschriftliche Verfassen der durch beide Arme abgeschirmten Kündigung zu entziehen.

Attribute und Symbole
Überhaupt ist die gesamte Erscheinungsweise der Figuren von symbolischen Relikten geprägt. So erscheinen die meisten Männerfiguren in Anzügen, als verblasstes Zeichen der Leitungsfunktion, wo der fordistisch zergliederte durch die Eigengesetzlichkeit der Matrix bestimmte Arbeitsprozess doch eher den Blaumann nahelegen würde. Hinter der Fassade der bürgerlichen Uniform sind die Zeichen der Unsicherheit und Furcht nicht zu verbergen: Die Sorgenfalten des Chefredakteurs, die zusammengepressten Zähne des Mannes mit der roten Krawatte oder der nervös auf den Nägeln kauende Mann am rechten, oberen Ende der Werkbank. Somit wird die eigentlich Souveränität symbolisierende Form des Anzugs dem ebengleichen Prinzip der Anonymisierung und Entfremdung unterworfen, das schon in der Serialisierung des Arbeitswerkzeugs (Bildschirme, Telefone) zu Ausdruck kam. In Verschränkung der Serialisierung von Mensch und Produktionsmittel finden wir zur Linken der Nornen-/Engelsgestalt eine Dreiergruppe von männlichen Figuren, die in Korrespondenz zur Fluchtlinie drei identische Kugelschreiber halten. Die Anordnung der Gruppe, die manieristische Ausrichtung ihrer Schreibgeräte und die Winzigkeit der Papierformate machen deutlich, dass es sich hier nur noch um symbolische Vignetten des Journalismus handelt, die ganz von fern, eigentlich nur noch ironisch auf den Reporter, der sich Notizen macht, anspielen. Ebenso wie die drei “Reporter” sind auch andere Figuren funktionalisiert. So ist die Funktion der kahl rasierten, stehenden Figur neben dem Riesenbildschirm, einzig die, die geradezu übermenschliche Größe der Anzeige zu illustrieren. Hier handelt es sich um einen symbolhaften Praktikanten, der so kostengünstig ist, dass man ihn sich sogar für diese Funktion leisten kann. Im Gegenzuge gewährt man ihm statt Bezahlung das Privileg, im Anzug zu erscheinen und sich als Mitglied des Teams zu fühlen. Der stehende alte Mann am Fenster verweist auf die unsichere Zukunft des weder Rente noch Ehrenplatz in der Gesellschaft zu erwartenden Personals im Vordergrund. In der Nische rechts oben befindet sich Vertreter des Serviceproletariats, das ebenso wie alle Figuren, die sich im Hintergrund (der Sphäre der Zukunft) aufhalten, stehen muss und so noch einmal das große Privileg des im Mittelgrund sitzenden Personals illustriert. Doch dieses Privileg ist in einer Atmosphäre des sprachlosen, von Apparaten bestimmten Datensogs, der das ganze Bild durchzieht, ein relatives Privileg, weil es so offensichtlich auf Zeit gewährt wird. Deutet doch der leere Tisch im Hintergrund direkt unter der Leinwand an, dass man gedenkt, in Zukunft gänzlich ohne irgendein irgendwie privilegiertes Personal, also eigentlich gänzlich ohne Personal zu produzieren. Einziger Hoffnungschimmer dieser düsteren Vision ist die “Schelmengestalt”, deren Kopf im Nacken der Nornenfigur sichtbar wird. Sie trägt grotesk körperlos hedonistische Züge im Gesicht, garniert von einem fast versteckten, aber nicht unterdrücktem Schmunzeln, das darauf verweist, dass es bei aller Apparathaftigkeit der modernen Produktionsweise gelingen kann, Mensch zu bleiben.

>Die Emotionen der Deutschen: Angst, Wut und Trauer

Morgens steht der Deutsche auf und hat Angst, zu spät zur Arbeit zu kommen. Ist er erst mal da, dann arbeitet er voller Wut auf seinen Chef und in Trauer nach der guten alten Zeit, als alles besser war. Mittags hat er Angst, dass das Stammessen I schon alle ist und schlingt dann voller Wut Stammessen II in sich hinein. Das viele Glutamat dämpft seinen Missmut darüber, dass man in der Kantine nicht mehr rauchen darf, in eine dumpfe Trauer. Den Nachmittag über hat der Deutsche Angst, dass er seine Arbeit nicht bis zum Feierabend schafft und macht voller Wut eine halbe Überstunde, die er mit tiefer Trauer über die Steuerklasse I abstempelt. Auf der Autobahn tritt er aus Angst, dass er seine Lieblingsserie im Fernsehen verpasst, mit viel Wut aufs Gas. Wird er von einem schnelleren Auto überholt, beschleicht ihn die große Trauer, dass er sich in diesem Leben einen 5er BWM nicht mehr wird leisten können. Daheim isst der Deutsche sein Abendbrot voller Angst vor Nitrit und Gammelfleisch in der Wurst. Die Reportage, die im Fernsehen läuft, erfüllt ihn mit Wut auf die Chinesen, die den Ölmarkt leerkaufen und für die hohen Spritpreise verantwortlich sind. Mit Trauer über die Schlechtigkeit der Welt legt sich der Deutsche ins Bett, erfüllt von Angst, dass er nicht einschlafen kann von all der Wut und Trauer um ihn herum.